Locarno 18: M von Yolande Zauberman (Wettbewerb)

© CG Cinema / Phobics

Der Filmtitel M ist definiert. So hiess der Thriller von 1931 von Fritz Lang, in dem Peter Lorre jenen Kindsmörder und Triebtäter spielte, den schliesslich sogar die Unterwelt jagte.

Yolande Zaubermans M ist ein Dokumentarfilm, die zentrale Figur ist Menahem Lang, fünfundreissig Jahre alt. Er ist im Zentrum des orthodoxen Judentums aufgewachsen und wurde als Kind immer wieder vergewaltigt. Von seinen Lehrern, von Vertrauten.

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Lang ist ein Überlebender. Dank seiner Begabung als Kantor konnte er Bnei Berak die «Welthauptstadt der Haredim», der ultraorthodoxen Juden, verlassen.

Nun kehrt er zurück mit der Dokumentarfilmerin, um seine Peiniger zu stellen, sich mit seinem Vater auszusprechen, um abzuschliessen.

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Zehn Jahre früher war es ihm gelungen, das heimlich aufgezeichnete Geständnisgespräch mit einem der Gemeindemitglieder, die ihn als Kind vergewaltigt hatten, in die israelischen Medien zu bringen. Das löste einen Skandal aus und sorgte dafür, dass Menahem Lang erst recht keinen Grund mehr hatte, sich in Bnei Berak den zu erwartenden Anfeindungen zu stellen.

Die in Frankreich geborene Yolande Zauberman hat eine unerschrockene Filmografie mit Tabuthemen. Etwa ihr Dokumentarfilm von 2011: Would you have Sex with an Arab?

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Nun ist es nicht wirklich erstaunlich, dass auch in der orthodoxen jüdischen Gemeinschaft, in der Männer und Frauen stärker getrennt sind, als Männer und Kinder, der Missbrauch so verbreitet scheint, wie in der katholischen Kirche mit ihrem Zölibatsgebot und hunderten von systematisch gedeckten Missbräuchen in ihrer Geschichte.

Erstaunlich ist dagegen, dass es eine jüdische Filmemacherin wagt, sich zur «Nestbeschmutzerin» zu machen, in einem Umfeld, das sie unweigerlich des Antisemitismus bezeichnen wird. Und noch viel erstaunlicher ist, was Menahem Langs Besuch in Bnei Berak auslöst.

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Die Filmemacherin, meist eine unsichtbare, diskrete Präsenz – zuweilen drückt sie wohl auch ihre versteckte Kamera jemand anderem in die Hand – erklärt einmal, es sei verblüffend, wie magnetisch der Besuch mit Menahem wirke. Von überall kämen plötzlich die Opfer, aber auch Männer, die erkannt haben, dass sie Teil eines Teufelskreises geworden sind, selber wieder Kinder missbrauchten.

Die Erzählungen und Diskussionen rund um Menahem sind erstaunlich. Auch wenn der eine oder andere sein Gesicht nicht vor die Kamera halten mag: Was sie erzählen, gleicht sich. Was sie dabei erfahren, von den anderen, ebenfalls.

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Und wir erfahren ganz nebenbei, wie ahnungslos diese Jungen, diese Männer in mancher Beziehung sind und bleiben, wie unbekannt ihnen die Frauen sind, deren Sexualität und natürlich auch die eigene.

Als es Menahem Lang schliesslich gelingt, mit seinem Vater ins Gespräch zu kommen, der ihn seinerzeit trotz allem Veständnis für seine Schuldlosigkeit als «unrein» bezeichnet hatte, bricht eine weitere Wand ein. Was der Vater erzählt, sprengt noch einmal alle Dimensionen.

Und ein anderer leitet in seiner Familiengeschichte die heimliche Gewalt direkt zurück zum Grossvater und dessen Shoah-Erfahrungen. Der Mann sei nicht weise geworden, wie viele meinten, sondern kaputtgegangen und habe die Beschädigungen weitergegeben.

M ist ein sehr ungewöhnlicher Film. Bildästhetik steht da nicht im Vordergrund, viele Einstellungen sind sogar regelrecht hässlich, wohl weil die Kamera so unsichtbar wie möglich bleiben sollte. Aber am Ende überwiegt nicht die Erschütterung und die Hilflosigkeit, und auch nicht die Wut, wie bei vielen thematisch ähnlichen Filmen rund um kirchlichen Missbrauch in Europa und in den USA. Sondern das Staunen darüber, was da in Gang gesetzt wird bei einzelnen Männern, was an Klarheit und Erkennen wächst.