Locarno 18: WINTERMÄRCHEN von Jan Bonny (Wettbewerb)

Thomas Schubert, Ricarda Seifried © Heimatfilm

Dieses Wintermärchen schickt sich an, ins emotionale Innere der rechtsextremen Terror-Gruppe «Nationalsozialistischer Untergrund» NSU vorzudringen. Beate Zschäpe und ihre zwei Komplizen heissen hier Becky, Tommi und Maik. Sie bilden eine kaputte Micro-Kommune mit einer dumpf und unklar definierten Mission.

Wenn die drei nicht gerade mit spontanen Dominanz- und Unterwerfungsritualen gegen Libido-Verlust ankämpfen oder sich volllaufen lassen, ziehen sie punktuell los, um «Ausländer» umzubringen.

Thomas Schubert, Jean-Luc Bubert © Heimatfilm

Nach 125 Minuten isolierter Beziehungsdynamik, Sex, Verzweiflung, Besäufniss und einem gelegentlichen eruptiven Blutbad ist das rechtsextreme Mörder-Trio verhaftet.

Unterm Abspann folgt als Epilog, in einer abgespeckten Sprechgesangversion, der «Schrei nach Liebe» (Die Ärzte, 1993):

Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe
Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit
Du hast nie gelernt dich zu artikulieren
Und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit

Und der erste Gedanke beim Auftauchen aus dem Kinoalbtraum ist der: Warum habt ihr das Lied nicht an den Anfang gestellt und uns den Film erspart?

Oh oh oh Arschloch

Weil du Probleme hast, die keinen interessieren
Weil du Schiss vorm Schmusen hast, bist du ein Faschist
Du musst deinen Selbsthass nicht auf andere projizieren
Damit keiner merkt was für eine arme Sau du bist

Denn eigentlich spielt Jan Bonny mit seinen drei sich bewundernswert ins Zeug werfenden Darstellern genau diese letzten vier Zeilen durch, illustriert sie wieder und wieder, ad nauseam.

Den Kern der Zelle bildet zunächst Becky (Ricarda Seifried), die wir in den ersten Einstellungen bei Schiessübungen mit Tommi auf einer Waldlichtung treffen. Tommi (Thomas Schubert) ist vorgeblich der Schiesslehrer. Aber schon bei der nervösen Suche nach den leeren Patronenhülsen und beim Entsorgen der verräterischen Sandsäcke im See ist klar, wer hier wirklich die Kontrolle hat.

Das Problem der beiden, neben ihrer Ziellosigkeit, ist eine zunehmende Lustlosigkeit. Der Sex klappt nicht mehr richtig, Becky versucht, Fantasien zu Hilfe zu ziehen, und Tommi setzt seine um, indem er Maik anschleppt.

Maik, genannt Micki, leistet ganze Arbeit. Er macht Becky an, frustriert Thommy, dominiert beide, vögelt Becky und erzeugt endlich die nötige Energie für den ersten blutigen Mehrfachmord in einem türkischen Supermarkt.

Jean-Luc Bubert, Ricarda Seifried, Thomas Schubert © Heimatfilm

Das alles hat seine nachvollziehbare Richtigkeit, die Dynamik des Trios leuchtet ein, und insbesondere Ricarda Seifried ist als Darstellerin dermassen überzeugend, dass ihre Becky fast durchgehend Gravitationszentrum bleibt.

Allerdings ist die Stossrichtung des Drehbuchs nach zwanzig Minuten klar und danach werden vor allem Abhängigkeits-Konstellationen durchdekliniert.

Das erreicht seinen eben so einleuchtenden wie absurden Höhepunkt, als die beiden Männer sich gegenseitig vögeln, in einem verzweifelten, aber vorübergehend erfolgreichen Versuch, die Hegemonie der Frau zu brechen.

Jean-Luc Bubert, Thomas Schubert © Heimatfilm

Die grosse utopische Versöhnung und Wiedervereinigung der Drei ist dann Klimax und Ende des Films.

Der Versuch, hinter der Prozessmechanik, den gesellschaftlichen Fragen und all den sozialen Thesen isoliert durchdrehende Menschen zu suchen und zu zeigen, hat dabei wohl grundsätzlich seine Berechtigung. Die Frage: «Warum tun die das?» ist naheliegend.

Aber mit dieser weitgehend auf das gesellschaftlich abgekoppelte Trio reduzierten Inszenierung erinnert dieses Wintermärchen eher an einen Hüttenkoller-Film.

Soziale Dynamik spiegelt sich zweifellos in der sexuellen, und was die drei da fast lehrbuchmässig durchspielen, wirkt nicht unglaubwürdig.

Aber mit der plakativen, pornografischen Reduktion erinnert Jan Bonnys Film an die schlechteren Fassbinder-Epigonen, auch wenn der Irrsinn der emotionalen Unlogik hin und wieder schlagend gefasst wird.

Etwa in der Szene, in der Tommi und Micki wenige Stunden nach ihrem homoerotischen Autonomie-Versuch zwei Polizisten in ihrem Auto erschiessen, weil sie sie beim Küssen gesehen haben wollen.

Nach den Prozessen gegen Beate Zschäpe, welche über die Berichterstattung wieder die ganze Bandbreite von nüchterner Analyse bis zur Dämonisierung der Frau provoziert haben, ist es auch nicht unbedingt hilfreich, Becky als Epizentrum und treibende Intelligenz im kaputten Dreieck zu zeigen.

Wintermärchen provoziert mit seiner Simplifizierung und leistet tatsächlich nicht viel mehr, als der Songtext der Ärzte schon vor fünfundzwanzig Jahren. Aber das ist natürlich kein Grund, solche Filme nicht zu machen. Im Gegenteil: Mehr davon bitte. Weitere Versuche.