Abschied von Pio Corradi

Pio Corradi bei der Verleihung des deutschen Kamerapreises 2016

Im Alter von 78 Jahren ist der Schweizer Kameramann Pio Corradi gestorben. Über mehr als vierzig Jahre hinweg hat er den Schweizer Spiel- und Dokumentarfilm geprägt mit seiner Arbeit an Filmen wie Höhenfeuer, Urmusig, Reise der Hoffnung oder Der Kongress der Pinguine.

Pio Corradi war der Kameramann von Fredi M. Murer und damit verantwortlich für die Bildgestaltung von Höhenfeuer. Das ist dieses radikale, poetische Alpen-Inzest-Drama, das 1985 den «alten» (Deutsch-) Schweizerfilm mit dem «neuen» verknüpfte, die traditionelle Welt der Gotthelf-Verfilmungen mit der Gegenwart und den Lebensunsicherheiten der Neunzehnachtziger Jahre.

Dass der Innerschweizer «Bergler» Fredi Murer und der Baselbieter «Secondo» (eigentlich ein «Terzio») Corradi mit Höhenfeuer einen Meilenstein schufen, war ihnen damals kaum bewusst. Der Film sollte einfach anders sein als das traditionelle Kino, lebensechter. Rückblickend könnte man auch behaupten: Dokumentarischer.

Pio Corradis Grossvater war aus Italien ins Baselbieter Dorf Buckten gekommen, ein Steinhauer, dessen Söhne später sein Baugeschäft weiterführten. Der im Mai 1940 geborene Pio besuchte die Basler Kunstgewerbeschule, machte eine Fotografenausbildung und holte sich schliesslich als Assistent von Nicolas Gessner und anderen ab 1964 in Zürich das Rüstzeug als Kameramann. Ganz ähnlich wie der ebenfalls 1940 geborene Fredi Melchior Murer, der ebenfalls über Kunstgewerbeschule und Fotografenlehre zu Film gefunden hatte.

Pio Corradi war ein Künstler, der sich als Handwerker verstand. Er redete über seine Arbeit nüchtern und ohne Verklärung. Dabei fand er gerade dadurch meist zu einer Präzision des Ausdruckes und des Bildes.

Was man nicht sieht, kann man nicht zeigen. Dafür kann man zeigen, wenn man nichts sieht. Corradis Kamera hat das immer wieder vorgemacht. Ob mit dem Übergang von dunkel zu gerade hell genug, oder mit Bildern von Wolken oder Nebeln, die schliesslich den Blick freigeben: Erst ist die Ahnung, dann kommt das Bild. Und dann geht es einem nicht mehr aus dem Kopf.

Pio Corradi hat über mehr als vierzig Jahre hinweg rund hundert Filme betreut, Dokumentar- und Spielfilme. Und immer wieder Künstlerportraits, etwa über Ludwig Hohl, Varlin oder Gerhard Meier. Oder gar künstlerische Prozesse, am schönsten sicher mit «Der Lauf der Dinge» von Peter Fischli und David Weiss von 1987. Das ist ein Film, der einem mechanischen Ablauf folgt, einem Programm, einer Kettenreaktion von Dingen, die sich anstossen, abstossen, umstossen, rollen, fallen. Bilder, die zeigen, was kommt, wo es hingeht und was gleich als nächstes kommen könnte.

Das war die grosse Kunst des Pio Corradi, dass er mit fotografischer Präzision Dinge und Menschen so ins Bild setzen konnte, dass man immer wieder eine Ahnung davon bekam, was da noch alles auftauchen könnte oder würde.

Und damit war Pio Corradi als Kameramann auch immer ein Co-Künstler, ein Mitschöpfer, ein Diskussionspartner und Realitätsprüfer für filmische Träume. Wenn er ahnte, wo seine Regisseurin oder sein Regisseur hin wollte, konnte er ihnen auch dabei helfen, den Weg dahin zu finden.

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