Cannes 19: SORRY WE MISSED YOU von Ken Loach (Wettbewerb)

Die Turners: Debbie Honeywood, Katie Proctor, Rhys Stone und Kris Hitchen © filmcoopi

Mit ihrem jüngsten Film sind sich Ken Loach und sein Drehbuchautor Paul Laverty treu geblieben und haben zugleich etwas Neues probiert. Alles dreht sich um die kleinen Leute in England, wie gewohnt. Aber die Probleme entstehen in der Familie, das asoziale, ausbeuterische System des Spätkapitalismus sorgt bloss dafür, dass sie nicht mehr zu bewältigen sind.

Das ist eine hübsche Abkehr vom didaktischen Ton der letzten Filme, obwohl sie auch dieses Mal nicht darauf verzichten, Mechanismen der Ungerechtigkeit leicht verständlich zu schematisieren.

Debbie Honeywood als Abbie mit einer Klientin © filmcoopi

Abbie Turner (Debbie Honeywood) arbeitet als Spitex-Pflegerin, fünf Tage in der Woche ist sie mit dem Auto von morgens früh bis Abends spät unterwegs. Bezahlt wird sie pro Pflegefall, nicht für die aufgewendete Zeit. Und weil sie ein gutes Herz hat, und den Grundsatz, alle ihre alten Kunden und Kunden so zu behandeln, als ob sie ihre eigene Mutter wären, bleibt in der Regel zu wenig Zeit für die beiden Kinder zu Hause.

Ihren Mann Ricky (Kris Hitchen) lernen wir zu Beginn des Films kennen, als er bei einem Paket-Vertrieb-Service einen Franchise-Vertrag unterzeichnet. Der Manager erklärt ihm das als grosse Freiheit: Er ist nicht Angestellter der Firma, sondern Auftragnehmer. Für eine Fixgarantie und Boni fährt er Pakete aus, entweder mit seinem eigenen Van, oder mit einem von der Firma gemieteten.

Dass Ricky damit das ganze Risiko selbst trägt, auch für Krankheit oder Unfälle, das betont der Boss nicht extra. Die Hauptlast trägt ohnehin zuerst einmal Abbie. Denn für die Anzahlung für den Van muss sie ihr Auto verkaufen und künftig mit dem Bus ihre Klienten besuchen – was ihre Arbeitszeiten noch einmal verlängert.

Loach und Laverty pflegen ihre Stärken. Die Abläufe (und ausbeuterischen Mechanismen) bei der Arbeit der Turners werden präzise gezeigt, wenn Ricky selber unter den Kollegen einen Ersatz finden muss für seine Tour, um etwa seinen Sohn vom Polizeiposten abzuholen. Oder wenn Abbie bei einer ihrer Klientinnen in ihrer eigenen Mittagspause noch mal vorbeigeht, weil sie spürt, dass die das braucht. Und telefonisch dafür gerügt wird, dass sie bei einem anderen Klienten zu lange gebraucht habe… weil sie den zuerst komplett waschen musste.

Und natürlich sind auch die kleinen Wiedergängerszenen da, etwa ein gereizter verbaler Schlagabtausch über Fussball zwischen Ricky und einem Paketempfänger, der mit einem herzhaften «Wanker!» und Rickys Abgang endet – und mit einer massiven Verspätung Rickys in seinem Auslieferplan.

Was diesen Film aber von ähnlich aufgebauten früheren unterscheidet, ist die Konzentration auf diese eine Kernfamilie. Ricky und Abbie Turner, ihr Sohn Seb und die jüngere Tochter Lisa Jane. Die Kleine ist nicht nur das Nesthäkchen und der Sonnenschein, sie ist auch jene, die dauernd vermittelt, vor allem zwischen den Eltern und Bruder Seb, der lieber mit seinen Kumpels sprayen geht, als in die Schule.

An Sebs Funktionsverweigerung entzündet sich denn auch jeder Familienstreit, vor allem jener, der schliesslich eskaliert. Seb sieht nicht ein, warum er sich in der Schule abmühen soll, wenn schliesslich doch nur Scheissjobs wie der seines Vaters auf ihn warten.

Da er seine Argumente meist ganz ruhig und mit erstaunlich tiefer Stimme vorbringt, wirkt dieser Junge wie ein völlig neues Element im Loach/Laverty Universum. Das war bisher von aufrechten, senkrechten, anständigen kleinen Leuten bevölkert und von jenen, die diese gnadenlos ausnützten. Dazu hin und wieder noch von denen, die den moralischen Kompass nur vorübergehend verloren.

Aber Seb und sein sozialer Nihilismus haben Sprengkraft. Sein Vater hat dem Jungen nichts entgegenzusetzen. «Wir stehlen nicht in dieser Familie», herrscht er ihn an, nachdem er ihn vom Polizeiposten geholt hat, wo er wegen Diebstahl einiger Farbspraydosen festgehalten wurde.

«Ich habe die ja nicht aus einem kleinen Eckladen mitlaufen lassen», erwidert der Sohn, mit einer trotzigen «fuck the system» Haltung, die den Vater überfordert. Versucht der doch sein ganzes Leben schon, mit dem System zu funktionieren. Auch wenn selber langsam dämmert, dass alles «out of whack» geraten sei.

Die Tochter hilft dem Vater bei der Paketauslieferung: Kris Hitchen und Katie Proctor © filmcoopi

Der Film balanciert die familiären Dramen geschickt mit denen der Arbeitswelt und baut die kleine Familie so präzise auf, dass einem im letzten Viertel ohne weiteres die Tränen kommen können, wenn die Kleine vor Angst wieder ins Bett macht, oder Seb aus Wut im Treppenhaus mit der Spraydose alle Familienfotos durchstreicht, auf denen sein Vater zu sehen ist.

Sorry we missed you ist Vintage-Loach mit einem neuen intimen Ton und einer Figur in Seb, die es mit dieser Sprengkraft gegen die bisher stets als Allheilmittel propagierte Solidarität im System Loach/Laverty noch nicht gegeben hat. Jedenfalls nicht in dieser Deutlichkeit.

Insofern ist das nicht einfach ein weiterer Ken Loach Film, sondern – unerwartet – noch einmal etwas ansatzweise Neues. Herzabdrückend aber auch, wie eh und je. Ob das allerdings reicht, um Ken Loach zum ersten dreifachen Palmengewinner von Cannes zu machen, daran darf man zweifeln.

 

Der Film ist in der Schweiz im Verleih der filmcoopi, Starttermin ist noch nicht fix. Erfahrungsgemäss könnte er aber durchaus im August im Piazza-Programm des Filmfestivals Locarno auftauchen.

 

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