Cannes 19: LITTLE JOE von Jessica Hausner (Wettbewerb)

Viele Little Joes mit Ben Wishaw © Coop99

Alice (Emily Beecham) arbeitet bei einer Pflanzenzuchtfirma, die sich auf genetisch veränderte Blumenarten spezialisiert hat. Ihre jüngste Kreation ist eine Topfpflanze, die Aufmerksamkeit und Pflege verlangt, sich dafür aber mit einem Duft bedankt, der glücklich macht.

Konkret, so erklärt es Alice ihren Kollegen, produziert die Pflanze unter anderem Oxytocin, ein Hormon, das die Bindung zwischen Mutter und Kind beeinflusst.

Emily Beecham als Alice © Coop99

Allerdings hat Alice schon ein Kind. Ihr Sohn Joe lebt zufrieden bei ihr, er hat in der Regel gar keine Lust, das Wochenende bei seinem Vater zu verbringen. Bis ihm Alice eine ihrer Pflanzen schenkt, frühzeitig und regelwidrig aus dem Labor geklaut.

Die Pflanze bekommt den Namen «Little Joe». Und mit ihrem Einzug beginnt sich Joe zu verändern.

Die Österreicherin Jessica Hausner hat einen eigenen, unverkennbaren Stil. Ihre Filme sind pastellfarben und kontrastreich, hin und wieder mit einer satten Retro-Palette. Ihre Figuren oft auf einer feinen Linie zwischen klar und seltsam aufgestellt.

Zudem beherrscht sie das Spiel mit der Ambiguität. Mit Lourdes hat sie nicht nur einen faszinierend schillernden Spielfilm über den Wunderglauben-Tourismus gedreht, sondern es auch fertig gebracht, einen Preis vom Vatikan zu bekommen und einen von einer Atheisten und Agnostiker-Organisation.

Genau diese Ambivalenz ist nun das zentrale Elemente in Little Joe. Denn die neuen Glücklichmachblumen sind alles andere als harmlos. Zumindest meint das Alices ältere Kollegin Bella (Kerry Fox). Ihr bis anhin folgsamer und liebevoller Hund ist nach dem ersten Kontakt mit den Blumen nicht nur agressiv und bissig geworden, sondern, in den Worten von Bella, «nicht mehr mein Hund».

David Wilmot, Phénix Brossard, Emily Beecham, Ben Wishaw © Coop99

Bella hat eine eigene Theorie: Da diese Pflanzen gezielt steril sind, also nicht fortpflanzungsfähig (zum Schutz der Umwelt vor genetischen Mutationen und zur Profitsteigerung der verkaufenden Firma), sucht sich Little Joes Natur einen anderen Weg. Und der wäre die Manipulation der Umwelt. Little Joe bringt sozusagen die Menschen dazu, sich nur noch und ausschliesslich um das Wohlergehen von Little Joe zu kümmern. Und gleichzeitig den Anschein zu erwecken, es habe sich nichts verändert.

Bellas Hund, Alices Sohn und bald auch ihr in sie verliebter Kollege Chris (Ben Wishaw) wirken auf Alice denn auch immer stärker verändert und fixiert. Bloss kann sie sich da nicht sicher sein, denn auch ihre Psychiaterin, die sie regelmässig besucht, ist der Meinung, sie projiziere eher eigene Ängste auf ihre Umwelt, etwa den uneingestandenen Wunsch, nicht mehr so sehr an ihren Sohn gebunden zu sein.

Joe (Kit Connor) mit seiner Mutter Alice (Emily Beecham) © Coop99

Es ist eine irre, faszinierende Mischung aus Litte Shop of Horrors und Invasion of the Body Snatchers, welche Jessica Hausner hier in hypermoderne Bilder giesst. Die Pflanze mit verschlingenden Ansprüchen und die Space-Bohnen der Body Snatchers, welche seelenlose Menschen-Doppelgänger in sich heranreifen lassen, gehen beide auf die Technik- und Kommunismus-Ängste des frühen kalten Krieges zurück.

Nun spielt Hausner mit den ähnlichen Ängsten, welche die Genmanipulationstechnik schürt, die aber in der menschlichen Natur ganz grundsätzlich angelegt sind. Man denke an den Doppelgänger der Romantik, das Konzept des Wechselbalges oder auch die Zombies als Sinnbild für das Unbekannte im Vertrauten.

Dass Jessica Hausner dafür neben ihrer klaren, farblich konstrastreichen Bildgestaltung auch die Überdeutlichkeit der einschlägigen Genre-Filme der 1950er Jahre bemüht, gibt ihrem Film etwas penetrant hämmerndes, eine faszinierende Aufdringlichkeit. Die setzt sich nahtlos fort auf der Tonspur. Musik und Soundscapes raspeln immer wieder Bedrohlichkeit unter die Bilder, manchmal mit fast schon komischem Effekt, manchmal überbetont deutlich, zum Beispiel mit unmotiviertem, körperlosem Hundegebell.

Mit dieser Überdeutlichkeit steigert Hausner die Ambivalenz, in manchen Szenen gar demonstrativ virtuos. Wenn etwa Sohn Joe und seine Freundin Alice davon überzeugen, dass sie nun eben zu der Gemeinschaft jener gehören, welche unter Little Joes Einfluss zu den Beschützern der Pflanze geworden seien, und glücklich. Bloss um gleich darauf in schallendes Gelächter auszubrechen, weil es ihnen gelungen ist, Alice mit ihren eigenen Ängsten zu erschrecken.

Little Joe ist technisch und gestalterisch brilliant, eine Augen- und Ohrenweide. Gleichzeitig aber spielt Hausner mit den Eindeutigkeiten des Genrekinos dermassen kühl und berechnend, dass sich ein Teil des Publikums durchaus verweigern könnte. Der Film hat etwas nerdiges, eine Tendenz, einem die eigene Gewitztheit um die Ohren zu schlagen.

Emily Beecham © Coop99

Dass Emily Beecham als Alice mit ihren roten Haaren sehr an die junge Kerry Fox bei Jane Campion (An Angel at my Table) erinnert, ist nur eine dieser fast schon grausamen Verknüpfungen, angesichts der Müdigkeit und des Alters der von Kerry Fox hier gespielten Bella.

Emily Beecham, Ben Wishaw © Coop99

Eine andere ist der Einsatz von Ben Wishaw in diesem Tech-Umfeld, in dem er gar nicht anders kann, als seine Nerd-Brillanz als «Q» von den James-Bond-Filmen mitzuschleppen. Und sogar das wird in Little Joe indirekt persifliert, wenn der junge Joe dem Mädchen, das er mag, zuerst ein Foto von sich mit seinem Ameisen-Terrarium schickt und als Antwort bloss das Daumen-runter-Emoji und das Wort «Nerd» erhält. Worauf er sich vor der rot leuchtenden Blüte von «Little Joe» fotografiert und prompt ein erstes Date bekommt.

Little Joe © Coop99

Little Joe ist ein vielschichtiger, durchdachter, smarter und nicht immer angenehmer Film. Jessica Hausner, eindeutig auf der Höhe ihrer durchdacht gestalterischen Ambitionen, eine Kandidatin für die zweite goldene Palme für eine Filmemacherin von Cannes. Die erste und bisher einzige ging an Jane Campion. Und daran erinnert wiederum Kerry Fox in Little Joe mit ihrer blossen Präsenz.

 

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