Cannes 19: A HIDDEN LIFE von Terrence Malick

Valerie Pachner und August Diehl

Der verstorbene Bruno Ganz hat seinen letzten Auftritt in diesem jüngsten Film von Terrence Malick. Er spielt den Nazi-Militärrichter in Berlin, der den von August Diehl gespielten Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter verurteilen soll.

Dieser Bauer aus dem österreichischen Sankt Radegund weigert sich nicht nur stoisch, im Kriegsdienst zu töten. Er verweigert vor allem den obligatorischen persönlichen Treueschwur auf Adolf Hitler. Dabei wäre er kompromissbereit und würde durchaus als Feldsanitäter Dienst leisten.

August Diehl, Bruno Ganz

Der Richter scheint irgendwie beeindruckt von der klaren Haltung des Mannes, der nach Wochen im Berliner Militärgefängnis Tegel und vielen Misshandlungen weiter stur zu seiner Haltung steht.

Ob er über ihn urteilen würde, fragt der Richter seinen Angeklagten. Worauf der ruhig antwortet, das stehe ihm nicht zu, er urteile nicht über andere. Aber er müsse sich weigern, zu tun, was er für Unrecht halte.

Ob er denn das Recht habe, sich zu weigern, fragt der Richter. Worauf Jägerstätter zurückfragt, ob er denn das Recht habe, sich nicht zu weigern?

Es ist die Kernfrage des ganzen drei Stunden langen Filmes, und jene, die eigentlich schon in den Filmen über die «Weisse Rose» knapper und brennender verhandelt wurde.

Dass es Malick, mit seinem philosophisch durchgekämmten Weltverständnis, nun auch noch unternimmt, ist nicht wirklich erstaunlich. Auch der Umstand, dass er den Einzelnen, der die Sache durchzufechten bereit ist, in einer seiner getriebenen Kernfamilien ansiedelt, inmitten der nährenden Natur eines österreichischen Bergtals, schliesst nahtlos beim Tree of Life an.

Der Titel von Malicks aktuellem Opus erschliesst sich über ein Zitat aus «Middlemarch» von George Eliot, das er vor dem Abspann als Epitaph für seinen hingerichteten Helden einblendet:

“But the effect of her being on those around her was incalculably diffusive: for the growing good of the world is partly dependent on unhistoric acts; and that things are not so ill with you and me as they might have been, is half owing to the number who lived faithfully a hidden life, and rest in unvisited tombs.”

…dass es um dich und mich nicht so schlimm steht, wie es hätte stehen können, verdankt sich zur Hälfte der Zahl jener, die ein gläubiges, verstecktes Leben gelebt haben und in unbesuchten Gräbern ruhen.

Die erste Stunde des Film erzählt von so einem versteckten Leben, von Franz und seiner Frau, seiner Mutter, seiner Schwägerin und seinen drei kleinen Töchtern, die in Sankt Radegund einen Hof bewirtschaften, von der Natur und der Arbeit ihrer Hände leben und regelmässig in die Kirche gehen.

Aber warum muss das in bildliche Tableaus von Wiesen, Wassern, Kühen und Bergen gegossen werden, welche jedem FPÖ-Nazi das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen? Warum wartet man dauernd darauf, dass vor dem Bergpanorama auf der satten grünen Wiese mit den braven senseschwingenden Bauersleuten der Kaiser Franz mit seiner Sissi einreitet? Oder Julie Andrews mit «The Sound of Music» losschmettert?

Die Natur-Apotheose ist Teil von Malicks Bilderwelt. Und das Argument, man dürfe diese Bilder nicht den Blut-und-Boden-Nazis überlassen, man müsse sie von ihrem Ballast befreien und wieder dem Glauben an die Menschheit zuführen, kommt regelmässig von den Malick-Fans.

Vielleicht hat das ja auch was. Aber wer diesen Film gesehen hat, weiss, dass neben Franz und seiner Familie in ganz Sankt Radegund nur noch zwei drei gute Österreicher gelebt haben. Der von Johannes Krisch gespielte Müller, die alte Witwe, und – schon nicht mehr ganz so gut – der Dorfpfarrer. Alle anderen haben sich von dem «Verräter» an der Sache des Volkes abgewendet und seine Familie gepiesakt, kaum war er im Gefängnis.

Natürlich kann man genau so gut argumentieren, das sei jetzt genau der richtige Film zur richtigen Zeit. Die Gefahr des dumpfen Mitläufertums besteht überall wieder neu, und ein Mensch, der nicht nur zu seiner Gesinnung steht, sondern zu dem, was moralisch richtig ist, tut Not.

Wohlan denn, lassen wir Malick predigen, mit seinen grossen Bildern zum einfachen Leben, mit seiner grossen Jukebox der herrlichen Weisen, von Bach bis Pärt und noch ein wenig James Newton Howard, wenn die Klassiker nicht reichen…

Franz Jägerstäter (August Diehl)

Franz Jägerstätter, es hat ihn gegeben, die katholische Kirche zählt ihn zu den Seligen, gebührt ein Angedenken. Sein Hidden Life, sein verstecktes Leben und Leiden, dürfen und sollen ans Tageslicht geholt werden und sicher auch auf die Leinwände dieser Welt.

Aber ein einfacher, bescheidener Film hätte vielleicht weniger von diesem versteckten Leben abgelenkt.

3 Antworten auf „Cannes 19: A HIDDEN LIFE von Terrence Malick“

  1. Hach, mit Malicks Bilderwelten ist das so eine Sache. Ebenso wie mit Malicks pseudophilosophischen Geschichten seiner (eigentlich immer) viel zu langen und überbordenden Filme. Ich befürchte, dass auch der hier wieder zu viel will und dabei zu wenig kann…

  2. Am Können liegt es nicht, wenn Malick nervt. Er kann das, was er macht unglaublich gut. Er meint es aber auch sehr sehr ernst. Und daher sind seine Bilder hin und wieder einfach zu aufgeladen mit Pathos.

  3. Da haben Sie schon recht mit Ihrer Kritik. Terrence Mallick kann einfach kein großer Regisseur sein, schließlich wichst bei ihm nie jemand aufs Canepe wie bei Maren Ade.

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