Cannes 19: LE JEUNE AHMED von Jean-Pierre und Luc Dardenne

Idir Ben Addi (Ahmed), Othmane Moumen (Imam Youssouf) © xenix

Der junge Ahmed, ein bis vor kurzem völlig normaler, in einem liberalen muslimischen Haushalt aufgewachsener Junge, der seiner geduldigen Lehrerin die Überwindung seiner Leseschwäche verdankt, beschliesst, eben diese Lehrerin umzubringen.

Es ist Ahmeds persönlicher Beitrag zum Dschihad, den ihm und seinem Bruder der fanatische Hinterzimmer-Imam Youssouf näher gebracht hat.

Myriem Akheddiou (Ines), Idir Ben Addi (Ahmed) © xenix

Denn die ausgesprochen engagierte Lehrerin versucht, in speziellen Kursen den arabischen Kids im Quartier über Pop-Musik ihre eigene Sprache in ihrer modernen Ausprägung beizubringen. Was dem Imam, der einzig den Koran gelten lässt, als Verrat an der islamischen Kultur erscheint. Zumal die arabischstämmige Frau neuerdings einen jüdischen Freund habe, wie Youssouf seinen Zöglingen – quasi als Beweis ihrer Verderbtheit – beiläufig erklärt.

Die belgischen Dardenne-Brüder sind eine der grossen Eigenmarken des Festivals von Cannes. Alle zwei bis drei Jahre sind sie mit einem Film an der Croisette. Und wie Ken Loach gehören auch die Dardennes zum exklusiven Club jener, die schon zweimal die goldene Palme gewonnen haben.

Aber während Ken Loach sein bewährtes Konzept etwas verändert hat mit Sorry we missed you, scheint bei Jean-Pierre und Luc Dardenne diesmal etwas zu fehlen.

Victoria Bluck (Louise), Idir Ben Addi (Ahmed) © xenix

Vielleicht liegt es daran, dass sie sich dieses Mal nicht mit menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten auseinandersetzen, und vor allem nicht, mit einer Situation, die wir aus unserem Alltag kennen oder kennen könnten.

Le jeune Ahmed versucht, einer der grössten menschlichen Stärken auf die Spur zu kommen, der Fähigkeit, zu glauben. Und dies nicht etwa wie Terrence Malick mit seinem unbeirrbar christlichen Helden in A Hidden Life, sondern mit dem, was in unserem Abendland gemeinhin als die pure Antithese dazu gilt: Fanatismus, genauer: islamischer Fanatismus.

Um es vorwegzunehmen: Die Filmemacher, der Film und damit auch ihre Zuschauer bleiben ratlos.

Claire Bodson (Mutter), Idir Ben Addi (Ahmed) © xenix

Der grösste Teil dieses so sorgfältig und genau wie immer inszenierten Filmes beschäftigt sich mit der Zeit, in der alle, Sozialarbeiter, Jugenderzieher, die Lehrerin, die Mutter, die junge Tochter der Bauern auf deren Hof Ahmed resozialisiert werden soll, sich intensiv um ihn bemühen.

Ahmed jedoch hat nur noch ein Glaubenssystem, unterscheidet nur noch zwischen rein und unrein. Und unrein ist alles, was sich nicht an die strengsten Regeln seines Islamismus hält. Es beginnt damit, dass Ahmed seiner bisher geschätzten und vertrauten Lehrerin den Handschlag verweigert. Er bezeichnet seine Mutter als Alkoholikerin, und seiner Schwester hält er vor, sie kleide sich wie eine Hure.

Olivier Bonnaud (Sozialarbeiter, links), Idir Ben Addi (Ahmed) © xenix

Ahmed ist in einer anderen Welt, jedes Mittel ist recht, um seine Ziele zu erreichen. Er versucht sie alle zu täuschen, spielt der Psychologin Einsicht vor, der Mutter Reue, dem Sozialarbeiter Kooperation.

Erst als die etwa gleichaltrige Louise auf dem Bauernhof sich sehr um ihn bemüht, in schliesslich zu küssen versucht, passiert etwas, das er nicht sofort in den Griff bekommt. Aber natürlich erklärt er auch seine hier aufkommenden Gefühle zu unreiner Versuchung: Das Glaubenssystem ist wasserdicht.

In einem ihrer raren Vorabkommentare zu ihrem Film erklären Jean-Pierre und Luc Dardenne, es sei ihnen erst nach Abschluss des Drehbuchs klar geworden, dass sich nichts wirklich bewege in dieser Geschichte, dass Ahmed sich allem entziehe.

Victoria Bluck (Louise), Idir Ben Addi (Ahmed) © xenix

Das der Film trotzdem zu einem Ende kommt, und zu einem, über das man stundenlang streiten könnte, macht seine zweite, wenn auch unbefriedigende Stärke aus.

Die erste ist der Umstand, dass sich das Drehbuch zwar all die Erklärungsversuche für jugendlichen Fanatismus einfliessen lässt, welche zahlreiche Filme der letzten Jahre genau diesem Thema gewidmet haben.

Aber die «Gehirnwäsche» durch Hassprediger und zynische Imame ist ja nicht die Erklärung für das, was diese Kinder und Jugendlichen suchen und sich erhoffen. Sie reicht nur gerade so weit, um zu zeigen, wie man Anfälligkeiten skrupellos ausnutzen und steuern kann.

Le jeune Ahmed wirkt, als hätten sich Jean-Pierre und Luc Dardenne an den Rand des menschlichen Wesens hinausgewagt, wie so oft. Aber dieses Mal haben sie jenseits des Randes nur Dunkelheit gefunden.

Das klingt gefährlicher, als es ist: Le jeune Ahmed ist kein Weckruf für das Abendland, kein Versuch, die gezielte Rekrutierung und Fanatisierung zu analysieren. Der Film beobachtet einen Menschen, wie immer bei den Dardenne-Brüdern. Aber für einmal ist es ein Mensch, den sie nicht mehr verstehen.

Das mit einem Film zu deklarieren, das ist doch eher ungewöhnlich.

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