Venedig 19: MARRIAGE STORY von Noah Baumbach

Scarlett Johansson, Adam Driver © Netflix

Das Kino hat ein neues Leinwandtraumpaar – ein Traumpaar in Sachen Trennung. Scarlett Johansson und Adam Driver spielen Nicole und Charlie, sie ist Schauspielerin, er Theaterregisseur. Zusammen haben sie einen achtjährigen Sohn, Henry.

Noah Baumbachs Film heisst Marriage Story – und er beginnt da, wo Nicole und Charlie zum ersten Mal über Trennung sprechen. Beziehungsweise schon vorher – man hört zuerst Charlie aus dem Off erzählen, was er an Nicole liebt, danach sie über ihn. Dazu gibt’s hübsche Familienszenen und heiter-beschwingte Musik (grossartig übrigens von Randy Newman).

Aber gleich in der ersten Szene nach dieser Eröffnungssequenz wird das Bild zurechtgerückt: Diese beiden Erzählungen über die Liebe zum Anderen, es sind aufgeschriebene Briefe, der Trennungstherapeut hat Nicole und Charlie darum gebeten.

Nicole will ihren um keinen Preis vorlesen und deshalb wird keiner den jeweils anderen hören – zumindest für eine lange Zeit nicht. Nun beginnt, was so viele Paare schon durchgemacht haben – eine zermürbende Trennungs- und Scheidungsphase.

Baumbachs Film ist dabei aber kein Kramer vs. Kramer reloaded, kein Rosenkrieg. Es sei ihm, schreibt er selber, nicht darum gegangen, die Geschichte einer zerbrechenden Familie zu erzählen, sondern die Liebesgeschichte in der Trennung zu finden.

Scarlett Johansson, Adam Driver © Netflix

Während Nicole und Charles sich immer weiter vom Strudel von Anwaltssitzungen, Sorgerechtsstreit und Besitztansprüche mitreissen lassen, versuchen sie dennoch, ihre Würde – und die des jeweils anderen – zu bewahren, die fragile Familie doch nicht kaputt zu machen. Was schwierig ist, weil Charlie in New York inszeniert, während Nicole mit Sohn Henry nach LA gezogen ist, wo sie herkommt und wo sie eine Rolle in einer Fernsehserie bekommen hat.

Marriage Story lebt von seinen Dialogen, von seinen Auseinandersetzungen und vor allem vom Zusammenspiel von Scarlett Johansson und Adam Driver.

Drehbuch und Dialoge von Noah Baumbach (The Life Aquatic, Greenberg) sind auf den Punkt geschrieben – und was Scarlett Johansson und Adam Driver abliefern, ist unglaublich grosses und facettenreiches Schauspiel. Sie beherrschen alle Töne dieser «Szenen einer Ehe» (dessen Theaterversion Charles und Nicole in New York schon zusammen aufgeführt haben), die leisen, melancholischen, die vernünftigen, aber auch die sehr lauten, verletzenden.

Einer der Höhepunkte ist eine lange Szene, zu deren Beginn sich beide sprachlos gegenüber sitzen, um sich dann erst vernünftig zu unterhalten, und schliesslich in Rage fast aufeinander losgehen. Da ist eine Intensität und ein Feuer zwischen Nicole und Charlie aber auch zwischen Scarlett Johansson und Adam Driver, wie einst zwischen Richard Burton und Liz Taylor in Who’s Afraid of Virginia Woolf.

Noah Baumbachs Virtuosität besteht unter anderem darin, mir als Zuschauerin keine Seite aufzuzwingen, keine Sympathien vorzugeben. Selbst die gewitzten Scheidungsanwälte (Laura Dern und Ray Liotta), die mit harten Bandagen kämpfen, sind nicht nur die unsympathischen Geldfresser. Für Laura Dern als Anwältin Nora gab’s bei einem leidenschaftlich feministischen Plädoyer sogar Szenenapplaus.

Laura Dern, Scarlett Johansson © Netflix

Am Ende steht das Ehepaar nicht einfach nur vor dem grossen Scherbenhaufen seiner kaputten Ehe – es bleibt auch das Gefühl, trotzdem als Familie, die sie ja weiterhin sind, sich irgendwie arrangiert zu haben und bestehen zu können.

Statt die totale Deskonstruktion einer Beziehung vorzuführen, die Abwärtsspirale ganz durchzuspielen, lässt Baumbach viele Zwischentöne zu, Hoffnung und Vernunft, aber auch Liebe, die in irgendeiner Form immer noch da ist, so dass man das Kino zwar traurig, aber nicht verzweifelt verlässt.

Denn das Kino, sagt Baumbach, habe ihm selber schon in manchem dunklen Moment geholfen. Sein Film ist auch in weniger dunklen Momenten des Lebens schön anzuschauen.

Noah Baumbach © Netflix

Eine Antwort auf „Venedig 19: MARRIAGE STORY von Noah Baumbach“

  1. Umso bedauerlicher, dass man den Film wohl nie im Kino zu sehen bekommen wird, nehme ich an? Ich sollte vielleicht einen Netflix-Saal eröffnen…

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