FRÈRE ET SOEUR von Arnaud Desplechin

Melvil Poupaud, Marion Cotillard © Why Not Productions

Nur Eric Rohmer hat mehr getan für den Ruf des französischen Kinos, aus existentiellen Quasselfilmen zu bestehen. Aber Arnaud Desplechin arbeitet mit Verve an der Egalisierung.

Oder, wie ein Freund und Kollege sagt: Desplechins Filme bestätigen jedes Vorurteil, welches seine Verächter dem französischen Kino gegenüber hegen.

Dafür lieben wir ihn um so heftiger. Ausser, wenn er der Pandemie erliegt und so etwas wie seine letztjährige Philip-Roth-Assemblage Tromperie in Paris im Studio mit französischen Darstellerinnen und Darstellern dreht und das ganze dann doch in London spielen lässt, mit Roths pseudo-komplexen Beziehungserotisierungen ebenfalls auf Französisch. So schrecklich, es ist schon wieder grossartig.

Aber jetzt ist er (schon) wieder im Wettbewerb von Cannes, mit einem Beziehungsquasselfilm par Excellence, tragisch und komisch, wunderbar exaltiert bespielt von Marion Cotillard und Melvil Poupaud.

Die beiden spielen Schwester und Bruder, einander seit zwanzig Jahren in innigem Hass zugetan, aus, wie es scheint, nichtigem Grund oder vielleicht sogar gar keinem.

Er hat sie eine Kindheit lang vergöttert, sie hat sich von ihm vergöttern lassen. Sie wurde Schauspielerin, er blieb lange nichts. Dann aber wurde er ein erfolgreicher Autor. Und da, so denkt sie, hat sie gemerkt, dass sie ihn eigentlich hasst.

Benjamin Siksou, Melvil Poupaud © Why Not Productions

Es braucht den Tod des Kindes von ihm, damit das alles endgültig ausbricht. Und den Unfalltod der Eltern, damit der Kreis sich schliesst und die Geschwister wieder zusammengezwungen werden.

Nein, das ist nicht tragisch und für alle nachvollziehbar, wie die Geschwisterliebe im Schweizer Schwesterlein. Es ist tragisch und nicht einmal für die Beteiligten nachvollziehbar. Aber so inbrünstig gespielt, geschrieben und gesprochen, dass es einem alle Ärmel durch die Mangel dreht.

Golshifteh Farahani, Melvil Poupaud © Why Not Productions

Zudem sind Kamera und Schnitt raffiniert beweglich und dynamisch und auch alle Nebenfiguren ziemlich gut, um nicht zu sagen, zu gut, um wahr zu sein. Allen voran Faunia, die von der immer einnehmenden Golshifteh Farahani gespielte Frau des Bruders der Schwester.

Oder auch Patrick Timsit als Familienfreund Zwy, jüdischer Psychiater und Mensch durch und durch.

Weil der Bruder infame Bücher über seine Schwester schreibt, taucht auch die Erinnerung auf an das Buch, das Desplechins zeitweilige Lebenspartnerin Marianne Denicourt über ihre Zeit mit dem angeblich persönlichkeitsvampirischen Mauvais génie geschrieben hat.

Aber eben: In einem Film von Arnaud Deplechin ist jedes Echo, jede Erinnerung wieder ein Anlass für eine weitere Befindlichkeitsschleife. Und das macht seine Filme so anstrengend wie befriedigend.

Nicht zuletzt darum, weil unser eigenes Leben im Vergleich dann doch beruhigend simpel erscheint.

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