DIAMANT BRUT von Agathe Riedinger

Liane (Malou Khebizi) © Pyramide

Die Macht des Kinos ist nicht nur die Illusion, die veränderte Realität, die Realisierung des Traumes. Seine grosse Stärke spielt es aus, wenn es uns in Welten versetzt, die wir davor nicht kannten.

Nur habe ich, in meiner sechsten Lebensdekade, nicht damit gerechnet, dass die Welt einer neunzehnjährigen Frau in Frankreich für mich derart fremdes Terrain sein würde.

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Liane (Malou Khebizi) gehört zu den Menschen, die ich nie getroffen habe, deren Welt ich nur von aussen betrachte, und über die Leute in meinem Alter eher den Kopf schütteln.

Sie hat pneumatisch vergrösserte Brüste, angsteinflössende Fingernägel, ein Instagramkonto und Influencer-Träume. Sie hat sich für eine Reality-Show beworben, und schon die Einladung zur ersten Casting-Runde hat ihre Follower-Zahl auf 50’000 hochgetrieben.

Liane ist auch die Tochter einer Mutter, die sich mit Männerbekanntschaften die Wohnung finanziert, einer Mutter, welche ihre Tochter für zwei Jahre zu Pflegeeltern gegeben hatte, mit der Begründung, sie komme mit ihrer Widerspenstigkeit nicht zurecht.

Und Liane hat eine kleine Schwester, die sie imitiert bis zu den aufgemalten schwarzen Augenbrauen und den künstlichen Wimpern… um die sie sich aber mütterlicher kümmert als die Mutter.

Liane ist eine Filmfigur, wie sie in den 1960 und 1970er Jahren im spekulativen Softporno verwurstet worden wäre, als Groupie, als Junkie, als Biker-Chick, von älteren Produzenten, welche mit dem, was ihr Zielpublikum als skandalöse Jugendkultur empfanden, schnelles Geld erhofften. Schulmädchenreport und Konsorten.

Nur ist Agathe Riedinger, knapp vierzig Jahre alt, mit ihrem ersten Langspielfilm nicht interessiert an der «Exploitation» ihrer jugendlichen Hauptfigur. Sie sucht die Identifikation, den Zugang, das Verständnis für das, was die junge Frau antreibt.

Das ist eine Leistung, gegenüber dem Kinopublikum, aber auch im Hinblick auf die Filmfiguren. So stellt die Mutter von Liane deren Lebensziele und Anerkennungsvorstellungen auf vergleichbare Weise in Frage, wie ich als alter weisser Mann.

Wie kann man eine grosse Followerzahl als Zeichen dafür nehmen, dass man geliebt wird? Wie kann frau davon ausgehen, dass jede Art von Aufmerksamkeit automatisch in Empowerment umgemünzt werden kann?

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Und wie kann die maximale Sexualisierung eines weiblichen Körpers (über maximale Künstlichkeit) als Selbstbefreiung verstanden werden?

Eine ganze Reihe von popkulturellen Phänomenen, wie sie auch und gerade im Musikbusiness von Beyoncé bis Doja Cat, von Megan Thee Stallion bis Nicki Minaj oder Cardi B zelebriert werden, jedenfalls in den allen wohl vorhandenen Nuancen gegenüber blinden Augen unserer privilegierten, gebildeten und politisch selbstverantwortlichen älteren Generationen.

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Riedinger lässt ihre junge Heldin zwar punktuell auflaufen, stellt ihr einen männlichen Verehrer und Bewunderer gegenüber, der besser geerdet und realistischer erscheint. Aber sie lässt ihren Traum nicht platzen, jedenfalls nicht im Zeitraum, den der Film abdeckt.

Am Ende sitzt Liane erschöpft und wohl auch ein wenig verunsichert im Flugzeug zur Drehdestination, jenem Ort, an dem sie wiederum diese Träume und Selbstverwirklichungsbilder zu perpetuieren hat, denen sie selbst erlegen ist.

Die Influencerträume verbreiten sich nicht nur viral wie eine Krankheit, sie sorgen auch dafür, dass alles, was ihnen nicht gleicht, aus der Wahrnehmung getilgt wird.

Und wer sollte diese Mechanismen besser reproduzieren können, als das Kino?

Agathe Riedingers erster Langspielfilm hat sie direkt in den Wettbewerb des prestigeträchtigsten Filmfestivals der Welt katapultiert, in eine Selektion die nicht nur von alten weissen Männern gemacht, sondern nach wie vor auch dominiert wird.

Wenn das kein Hinweis auf eine allgemeine Verunsicherung ist… dann ist es der Versuch einer Vereinnahmung.

Und auf jeden Fall ein eindrückliches filmisches Unterfangen.

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