MEGALOPOLIS von Francis Ford Coppola

Adam Driver (Caesar Catalina) und Nathalie Emmanuel (Julia Cicero) über ‚Megalopolis‘ © American Zoetrope

45 Jahre nachdem er mit Apocalypse Now die Goldene Palme des Filmfestivals von Cannes gewonnen hat, ist Francis Ford Coppola zurück im Wettbewerb. Mit 85 hat er noch einmal alles riskiert für sein Megalopolis: Sein Vermögen und seinen Ruf.

Adam Driver steht im Abendrot auf der Umrandung der Spitze des Chrysler Buildings in New York. Er hebt einen Fuss zum Schritt ins Leere, beginnt zu stürzen – und gebietet der Zeit den Stillstand.

Die Zeit gehorcht.

Adam Driver spielt diesen Caesar Catalina, einen visionären Architekten, der mit seiner Kunst den Niedergang seiner Stadt aufhalten möchte.

Seinen eigenen hoffnungsvoll visionären Schritt in die Leere hat «Godfather»-Regisseur Francis Ford Coppola über die letzten vierzig Jahre vorbereitet, aufgeschoben, schubladisiert nach 9/11, als die traumatisierte Stadt definitiv keine mehrdeutigen Deutungen mehr ertragen hätte. Und wieder ausgegraben vor fünf Jahren, um seinen 80. Geburtstag herum.

«Megalopolis» ist angelegt als Opus Magnum, als Clash der Kunstfreiheit mit dem Pragmatismus und als soziale Utopie gegen die Machtgier des Einzelnen. Und damit voller Widersprüche

Die Grundidee ist eine Fusion des untergegangenen alten Rom mit dem amerikanischen Traum, der sich in der Stadt New York manifestiert.

Megalopolis ist genau das: Eine Mega-Stadt, in der sich der künstlerische Visionär Caesar dem pragmatischen Bürgermeister Franklyn Cicero (Giancarlo Esposito aus «Breaking Bad») entgegenstellt, mit dessen Tochter Julia Cicero (Nathalie Emmanuel aus «Game of Thrones») seine Visionen gegen Ciceros Widerstand weiterverfolgt und ein Kind zeugt, das, sollte es ein Junge werden, dereinst Francis heissen soll.

Wie seinerzeit die endlose, von Katastrophen geplagte Entstehung von «Apocalypse Now», die Coppola selbst im Nachhinein als Wahnsinnsunternehmen bezeichnet hat, sind auch seine «Megalopolis»-Pläne medial hoch- und niedergeschrieben worden.

Hybris und Altersstarrsinn, Sexismus auf dem Set (hat der britische Guardian gemeint), kommerzielle Unbrauchbarkeit, der Sologang eines abgehalfterten Starregisseurs: Die Häme war selten weit in der Berichterstattung zu Coppolas Altersprojekt.

Und sie schlägt jetzt auch wieder durch in manchen Reaktionen auf den Film nach der Premiere in Cannes.

Denn der Film ist tatsächlich kein stromlinienförmiges Unterhaltungsschiff mit bekömmlich verteiltem Tiefgang. Sondern ein überbordendes, gestaltwechselndes Monstrum, in dem sich geniale Sequenzen mit rhetorisch überkandidelten Quasselstrecken und der schieren Lust an der  orgiastisch Bilderflut durch CGI-Strassenzüge und zwischen Wolkenkratzern hindurchwinden wie ein Hollywood-Stoffdrachenwurm durch die Gassen von Chinatown.

«Megalopolis» ist ein Bastard aus 130 Jahren Kinokunst. Coppola entleiht seinen Architekten bei der libertären Vordenkerin Ayn Rand («The Fountainhead»), haufenweise Ideen (und «Morpheus»-Darsteller Laurence Fishburn) bei «The Matrix», und er zitiert und evoziert die halbe Kunst- und die ganze Filmgeschichte.

Er nutzt, wie früher schon, alte Tricks und neuste Technik, ohne sich an Hollywood-Standards und Erzählregeln zu halten, assoziativ, mäandernd, ausufernd, manchmal gezielt disziplinlos.

Das ist nicht World-Building nach Marvel-Rezept, kein massentaugliches Franchisenkonzept, wahrscheinlich in vielen Ländern nicht einmal kostendeckend im Kino auswertbar.

Aber «Megalopolis» ist ein Paradiesgarten des Eigensinns, die lustbetonte Stromschnellenfahrt eines alten Traumschiff-Kapitäns, der sich in seiner langen Karriere eigentlich immer über alles hinweggesetzt hat, immer wieder alles riskiert hat.

Ja, «Megalopolis» ist kein stilbildendes Meisterwerk wie die ersten beiden «Godfather»-Filme oder Apocalypse Now. Aber durchaus ein Opus magnum, die Summe aller Ambitionen eines Künstlers, der sich lieber noch einmal neu erfindet, als endlich Ruhe zu geben.

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