EMILIA PÉREZ von Jacques Audiard

Zoe Saldana © Pathé

Zoe Saldana kann singen. Sie kann auch tanzen. Und wie. Dabei spielt sie in Audiards jüngstem und bisher verblüffendsten Opus eine Anwältin in Mexiko City, die zunächst weder zum Tanzen noch zum Singen die geringste Veranlassung hat.  Sondern vor allem Ehrgeiz. Und Wut im Bauch.

Ihr Job ist es, die Verteidigung fürchterlicher Typen so vorzubereiten, dass ihr Boss diese vor Gericht freibekommt. Und das gelingt ihr so gut, dass ihr im Fall eines Typen, der seine Frau umgebracht hat, ob dem eigenen Erfolg schlecht wird.

Aber dann bekommt sie ein Angebot von einem, nein, von DEM Drogenkartell-Boss. Sie soll sein Verschwinden organisieren und seine Geschlechtsumwandlung. Das Monster will die Frau werden, als die er sich immer schon gefühlt hat.

Audiard nimmt wieder einmal einen B-Picture-Plot und macht daraus in aller Ernsthaftigkeit ein Musical-Melodrama, das es mit Sicario und seinen Kartell-Konsorten aufnehmen kann. Echt.

Karla Sofía Gascón © Pathé

Audiard hat das Drehbuch wieder mit Thomas Bideguin zusammen geschrieben. Und mit Léa Mysius, wie schon bei Les Olympiades, Paris 13e.

Man darf davon ausgehen, dass es vor allem Mysius zu verdanken ist, dass die Perspektive der Anwältin Rita nicht nur zentral ist, sondern auch überspringt auf das Publikum.

Und dies wiederum hilft bei der Transition des Kartell-Bosses zur Titelfigur Emilia Pérez (Karla Sofía Gascón) und deren Glaubwürdigkeit.

Der Film spielt zwar die Möglichkeiten des Melodrams Schritt für Schritt durch, Emilia muss ihre Frau Jessie (Selena Gomez) und die gemeinsamen Kinder aufgeben für ihren Schritt, verfrachtet sie in die Schweiz.

Sie holt sie aber zurück nach Mexiko, wo sie sich als entfernte Verwandte ausgibt, um die Kinder und die Frau wieder um sich zu haben. Was Jessie weder weiss noch ahnt und sich prompt nach einiger Zeit mit einem alten Liebhaber zusammentut – was, bei der geplanten Hochzeit, Emilia einmal mehr die Kinder kosten würde.

Selena Gomez © Pathé

Noch grossartig absurder ist allerdings das Hilfswerk zur Suche nach verschwundenen Opfern der Drogenkartelle, das Emilia aufzieht, mit Hilfe von Rita.

Audiard bringt das alles unter in einem filmischen Gebilde das seiner formalen Vielfalt zum Trotz monolithisch zwingend wirkt. Die Musical-Nummern entspringen organisch der Handlung, verstärken die Befindlichkeit der Figuren, drehen ihr Inneres nach aussen.

Der Rhythmus der Musik peitscht die Szenen genau abgestimmt auf die Handlung und die Schnittkadenz voran. Und die Songs von Camille (die unter anderem Marie Kreutzers Corsage untermalt hat) verbinden sich nicht nur mit dem Score von Clément Ducol, sondern organisch mit dem Film und den Figuren.

Das ist ein spanischsprachiger Film, hingezaubert von einem weitgehend französischen Team, mit einer spanischen Darstellerin in der Titelrolle und us-amerikanisch-hispanischen Stars als überzeugenden Zugpferden (auf dem Plakat ist bezeichnenderweise Selena Gomez zu sehen), ein formaler Multihybrid aus einem einzigen mitreissenden Guss:

Audiard kann Kino.

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