LIMONOV: THE BALLAD von Kirill Serebrennikov

Kann kein Russisch: Ben Wishaw in der Titelrolle © Pathé

Das Dritte, was auffällt in den ersten Minuten dieses Films ist die eigenartige Zahmheit der Hauptfigur. Dieser rebellische Poet in seiner sowjetischen Frühzeit erinnert eher an die unbeschwerten jungen Rocker zu Beginn von Serebrennikovs Leto.

Das Zweite, was auffällt, zunehmend unangenehm: Diese Russen reden alle Englisch, mit dickem russischem Filmakzent. Nicht nur der Brite Ben Wishaw, der die Titelrolle spielt, sondern alle, ausnahmslos. Und kyrillische Schriftzüge verwandeln sich in englische, kaum sind sie sichtbar geworden.

Aber das Erste, was auffällt an Serebrennikovs Verfilmung des Romans von Emmanuel Carrère, das ist der nach wie vor opulente Einfallsreichtum bei der Ausstattung. Dieser Regisseur, der Theater, Oper und Kinoleinwand bedient, versteht die mediale Synthese.

Die Jahreszahlen, welche die Szenen zeitlich verorten, die finden sich an Hausfassaden, in bunten Glasscheiben, leinwandgreifend, unübersehbar.

Keine zwei Sekunden etwa dauert eine Einstellung in New York, als Limonov und seine Frau freiheitstrunken durch die Strassen rennen und im Hintergrund Jodie Fosters minderjährige Prostituierte aus Taxi Driver ins Fenster eines Yellow Cab hineinspricht – in Ergänzung zum Schriftzug, der die Szene im Jahr 1976 verortet.

Diese Details, die sind verschwenderisch grosszügig dahingeworfen in diesem Film, an dem Serebrennikov wohl über Jahre gearbeitet hat. Erste Szenen mit Ben Wishaw hat er in Cannes schon 2022 gezeigt, als er mit Tchaikovsky’s Wife im Wettbewerb war.

Aber gerade die erste Stunde, die Einführung Limonovs als trotziger junger Dichter, seine amour fou mit seiner späteren Frau und dann die ersten Jahre in New York, die wirken allen Details zum Trotz abgespult, geborgt, Bohèmeklischees aus der inszenatorischen Mottenkiste.

Der Film wird interessanter und dem Fazettenreichtum seiner Titelfigur gerechter nach etwa einer Stunde, wenn Limonov einigermassen pragmatisch wird, als Butler arbeitet und hartnäckig an einer Autorenkarriere.

Und als er schliesslich in Frankreich seine Erfolge feiert, anfängt, seine Provokationen nach dem Mauerfall zur Sowjetglorifizierung zu büscheln um dann im filmischen Schnellverfahren in der alten Heimat seine Natinalbolschewistische Partei Russlands gründet, ins Gefängnis kommt und dieses schliesslich als Held seiner Anhänger wieder verlässt, da wird endlich Serebrennikovs Interesse an der Figur greifbar.

Denn nun sind seine Widersprüche, seine Provokationen und seine menschenverachtende konkrete Radikalisierung plötzlich gegenwartspolitisch relevant.

Aber zu dem Zeitpunkt hat der Film schon dermassen ermüdet, dass sein bester Effekt wohl der sein dürfte, dass die eine oder der andere Lust bekommt, den Roman von Carrère zu lesen.

Mir ist es jedenfalls so ergangen.

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