DIE VORKOSTERINNEN (Le Assaggiatrici) von Silvio Soldini

Kriemhild Hamann, Olga von Luckwald, Elisa Schlott, Emma Falck © Morandini Film Distribution

«Es ist Ihnen nicht gestattet, zu erbrechen!»

Den grotesken Satz bellt ein SS-Offizier in Richtung der verängstigten jungen Frauen, welche eben erfahren haben, dass die ihnen servierte Mahlzeit vergiftet sein könnte. Sie wurden im Dorf zusammengetrieben, in der Kaserne von einem Arzt auf ihre Gesundheit getestet und dann ohne Erklärung an den Tisch gesetzt, an dem sie Hitlers nächste Wolfsschanzen-Mahlzeit verkosten müssen.

Hat Adolf Hitler zwangsrekrutierte Vorkosterinnen gegen einen möglichen Giftanschlag eingesetzt? Es scheint plausibel, wenn man den Erinnerungen der 2014 verstorbenen Margot Wölk Glauben schenkt. Der Spiegel publizierte 2013 die Geschichte der Frau, welche diese im Jahr davor in einem Interview als 94jährige der Berliner Zeitung enthüllte, nachdem sie sie zuvor zeitlebens für sich behalten hatte.

© Morandini Film Distribution

Historiker haben darauf verwiesen, dass es keine anderweitigen Quellen dazu gibt, und dass es wenig plausibel scheint, dass Wölk und ihre Schicksalsgenossinnen tatsächlich Hitlers Essen verkosten mussten. Dieses sei von seinem Diätkoch innerhalb der Wolfsschanze zubereitet worden, ein Transport aus dem Waldbunker hinaus und zurück hätte da eher das Risiko erhöht. Andererseits spreche auch nichts dagegen, dass die Frauen tatsächlich, wie von Wölk geschildert, Mahlzeiten testen mussten und man ihnen einfach erklärte, es handle sich dabei um Hitlers vegetarische Kost.

Hitlers Koch Krümel (Boris Aljinovic) und die Vorkosterinnen © Morandini Film Distribution

Die italienische Autorin Rosella Postorino hat Wölks Geschichte 2018 mit dem Roman «Le assaggiatrici» erfolgreich fiktionalisiert, und Regisseur Silvio Soldini (Pane & tulipani) hat nun den Roman mit deutschsprachigen Schauspielerinnen und Schauspielern als italienisch-belgisch-schweizerische Koproduktion auf die Leinwand gebracht.

Es ist ein seltsamer Film geworden, eine eigenartige Mischung aus traditionellen Kinoformaten und zeitgenössischer Aufarbeitung. Spannend, schön pastellig gefilmt vom Schweizer Kameramagier Renato Berta, und mit eindrücklichen schauspielerischen Leistungen von Elisa Schlott in der Hauptrolle der Rosa Sauer (die Romanversion der Margot Wölk), Alma Hasun als Elfriede und Esther Gemsch in einer feinen Nebenrolle als Schwiegermutter der Rosa.

Esther Gemsch, Elisa Schlott, Jürgen Wink © Morandini Film Distribution

Die weitgehend beibehaltene Perspektive der jungen Frauen sorgt dafür, dass man sich emotional auch nach besonders grotesken und satirisch anmutenden Szenen mit strammen SS-Nazi-Schergen nicht komplett verschliesst für die Ängste und Hoffnungen der Hauptfiguren.

Aber die tonalen Brüche zwischen Realismus und Satire sind schon auffällig. Da wird von seinem Koch kolportiert, dass Hitler zum Vegetarier wurde, weil er nach einem Schlachthof-Besuch das Geräusch des spritzenden Blutes nicht mehr aus seinen Träumen verbannen konnte. Oder Rosas Schwiegervater ereifert sich über Hitlers vegetarische Doppelmoral mit dem plakativen Satz: «Er liebt Tiere und behandelt euch wie Versuchskaninchen!»

Elisa Schlott, Max Riemelt © Morandini Film Distribution

Zudem spult der Film etliche klassische Naziploitation-Elemente ab, allen voran Rosas gequälte Sex-Affäre im Heu mit dem von Max Riemelt gespielten SS-Offizier, der irgendwo zwischen Ralph Fiennes’ Amon Göth in Schindler’s List und Dirk Bogardes Max im stil- und klischeebildenden Nachtportier von Liliana Cavani agiert.

Zum Glück spielt ihm gegenüber Elisa Schlott ihre Rosa Sauer nicht lasziv-pervers wie Charlotte Rampling die Lucia im Nachtportier, sondern glaubwürdig als einsame junge Frau, deren Mann gleich nach der Hochzeit an die Ost-Front verkarrt wurde.

Max Riemelt © Morandini Film Distribution

Was wiederum nur wenig hilft gegen offensichtlich filmästhetisch motivierten Unsinn wie die Szenen, in denen der SS-Offizier im nächtlichen Garten vor dem Hof von Rosas Schwiegereltern mit der Taschenlampe seine verliebte Stalker-Anwesenheit signalisiert, ohne neben dem Objekt seiner Begierde jemanden damit aufzuscheuchen.

Die Vorkosterinnen ist kein Meisterwerk und schon gar kein Meilenstein im Hinblick auf die Holocaust-Aufarbeitung wie etwa Jonathan Glazers The Zone of Interest. Soldinis erster Historienfilm (den er immerhin konsequent auf Deutsch gedreht hat) reiht sich eher ein unter die Versuche, einen etwas weiblicher geprägten Blick ins Nazi-Genrekino einzubringen, etwa Stella – Ein Leben, oder die Erinnerungen von Hitlers Sekretärin Traudl Junge in Der Untergang.

Aber die Gruppendynamik der sieben jungen Frauen, die wechselnden Loyalitäten und Rivalitäten, die gemeinsamen Ängste und Hoffnungen, das alles hebt Soldinis Film dann doch wieder über das Genre hinaus. Zumal das Ensemble der Darstellerinnen mit seiner greifbaren Energie in Erinnerung bleibt.

Im Kino ab 12. Juni 2025


Entdecke mehr von Sennhausers Filmblog

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.