HÔTEL SILENCE von Léa Pool

Lorena Handschin (Ana), Sacha Semi-Barthes (Adam), Sébastien Ricard (Jean), Jules Porier (Zoran) © filmcoopi

Nachdem er davon abgekommen ist, sich in seinem Haus in Kanada an einem eigens montierten Deckenhaken zu erhängen, reist Jean, mit besagtem Haken und Werkzeug im Gepäck, in ein bürgerkriegsversehrtes europäisches Land und mietet sich ein, in einem eben wieder eröffneten Hotel, bei Ana und ihrem jungen Cousin Zoran. In seinem Zimmer nutzt er das mitgebrachte Werkzeug dann allerdings erst mal, um den Schrank zu flicken und die rostgefüllten Wasserleitungen zu klären.

Während die verblüffte Ana versucht, Jean als Helfer für die vielen anstehenden Reparaturen im maroden Hotel zu gewinnen, klaut ihr kriegstraumatisierter, stummer kleiner Sohn Adam in einem Engelskostüm den Haken aus Jeans Tasche. Um sich, wie sich später zeigen wird, stilgerecht als Pirat kostümieren zu können.

Auch ohne die klare Symbolik von Adams beiläufig flatternden Engelsflügeln zeichnet sich ab, was diesen Film antreibt: Der lebensmüde Jean und seine kriegsversehrten Gastgeber führen sich gegenseitig ins Leben zurück.

Sébastien Ricard (Jean), Lorena Handschin (Ana) © filmcoopi

Obwohl ihre Filme hauptsächlich von eigenwilligen, schönen, starken, verwundeten, verträumten und realistischen Frauen bevölkert sind: Die Kanada-Schweizerin Léa Pool mag auch Hotels. Und schöne, verwundete, verträumte und realistische Männer.

Schon ihr erster grosser Langspielfilm La femme de l’hôtel trug 1984 das Hotel im Titel, und die halb private, halb öffentliche Location im Herzen. Mit den Hotel Chronicles setzte Pool 1991 die gleiche Dynamik noch direkter um. Im gleichen Jahr erschien auch La demoiselle sauvage. Die Dynamik zwischen dessen Titelheldin Marianne und dem von Matthias Habich gespielten Ingenieur mit dem unwahrscheinlichen Namen Élysée war der zwischen Ana und Jean in Hôtel Silence nicht unähnlich, wenn auch mit vertauschten Polen.

Sébastien Ricard (Jean), Jules Porier (Zoran) © filmcoopi

Für Hôtel Silence hat Pool einmal mehr auf einen Roman von einer Frau zurückgegriffen: «Ör» (wörtlich: Narben; deutscher Titel «Hotel Silence») von Auður Ava Ólafsdóttir. Offensichtlich, weil der Roman so viele Elemente von Pools eigener Filmographie (und Familiengeschichte) widerspiegelt, wie die Filmemacherin sagt:

On retrouve aussi, dans Hôtel Silence, l’univers de mes films : l’exil, l’enfance, les femmes (leur souffrance et leur force), l’équilibre précaire où les personnages se trouvent, loin de leurs repères, la nécessité qu’ils ont de se déplacer, de bouger, de se transformer. Le passage de solitaire à solidaire, d’individuel à collectif, m’interpelle comme cinéaste et me paraît, aujourd’hui plus que jamais, d’actualité. Alors que les guerres se succèdent, créant souffrance et destruction, Hôtel Silence s’inscrit comme une fable universelle sur le courage, la fraternité et la résilience. Et c’est ainsi que le destin de Jean réussit à montrer notre humanité commune.

In Hotel Silence findet man auch die Welt meiner Filme wieder: Exil, Kindheit, Frauen (ihr Leid und ihre Stärke), das prekäre Gleichgewicht, in dem sich die Figuren befinden, weit weg von ihren Bezugspunkten, die Notwendigkeit, die sie haben, sich zu bewegen, sich zu bewegen, sich zu verwandeln. Der Übergang vom Einsamen zum Solidarischen, vom Individuellen zum Kollektiven spricht mich als Filmemacher an und scheint mir heute mehr denn je aktuell zu sein. Während ein Krieg den nächsten jagt und Leid und Zerstörung verursacht, ist Hotel Silence eine universelle Fabel über Mut, Brüderlichkeit und Resilienz. Und so gelingt es, über Jeans Schicksal, unsere gemeinsame Menschlichkeit aufzuzeigen.

Und wieder lässt Léa Pool ihre akkumulierte Erfahrung und ihre stilistischen Stärken spielen: reduzierten (melo-) dramatischen Realismus, durchsetzt mit verspielter, lächelnder Symbolik.

Sébastien Ricard (Jean) © filmcoopi

Jean (Sébastien Ricard) wird vom ersten Bild an fassbar, auch wenn der Grund für seine Lebenstrauer erst gegen Ende des Films aufscheint. In wenigen Interaktionen mit seinem Nachbarn in Kanada, beim abrupten Abgang mitten aus einer Chorprobe, und im knappen Gespräch mit seiner beunruhigten Tochter bekommen wir eine Vorstellung von diesem Menschen.

Ganz ähnlich verfährt Pool auch mit Ana (Lorena Handschin) und ihrem Cousin Zoran (Jules Porier) im nie genauer verorteten bürgerkriegsversehrten Land. Aus den Erzählungen und Hinweisen wird klar, dass die Traumata dieser Menschen jene aus den Balkankriegen sind. Bevor sie ihm die Frauen vorstellt, mit denen Ana nach Renovationsende in einem gemeinsamen Haus leben wird, warnt sie Jean, sie nicht nach den Vätern ihrer Kinder zu fragen und auch nicht nach dem Verbleib ihrer Männer.

Und als Jean Anas Annäherung abblockt, mit dem Hinweis, sie könnte seine Tochter sein, kommt es zu einem ebenso erschütternden wie hinreissenden Dialog:

«Ich bin älter als deine Tochter. Älter als Du. Und ich bin nicht deine Tochter.»

«Und die jüngeren Männer?»

«Die gibt es nicht. Am nächsten Morgen würde ich ihn anschauen und denken: Er hat getötet.»

Irène Jacob (Kristina), Sébastien Ricard (Jean) © filmcoopi

Da sind Casablanca-Vibes auf der Leinwand, welche Léa Pool allerdings zu zügeln versucht, unter anderem mit ein paar kurzen Auftritten von Irène Jacob als Kriegsreporterin Kristina im Hotel, deren einzige wirkliche Funktion darin zu bestehen scheint, Jeans Selbstentmannung über sein Papa-Argument zu kontern. Das ist aber zugleich auch die einzige nicht ganz organisch wirkende dramaturgische Wendung im Drehbuch, und sie wird zumindest teilweise über Irène Jacobs Charisma aufgefangen.

Das architektonisch einem Schiff nachempfundene Hotel hat Léa Pool in Frankreich gefunden, das Gebäude wird im Verlauf des Films zu einem fast gleichberechtigten Darsteller. Und da kann Léa Pool auch kräftig und bisweilen selbstironisch in die Symboltüte greifen. Das Hotel hat nicht nur Kellerräume, in denen Dinge aus der Vorkriegszeit gelagert sind, inklusive Postkarten, sondern auch ein prächtiges Kino, das allerdings zunächst mit Trümmern von der Decke versperrt ist. Am Ende des Films aber schaut Zoran mit dem kleinen Adam in diesem Kino eine Kopie von Buster Keatons The General.

Sébastien Ricard (Jean), Sacha Semi-Barthes (Adam) © filmcoopi

Auch dass der junge Adam-Darsteller Sacha Semi-Barthes mit seiner Frisur ausnehmend an den kleinen Danny in Stanley Kubricks The Shining erinnert, ist kaum zufällig. Schliesslich ist auch Adam in diesem Hotel eine Art Vermittler zwischen den Welten, wie Danny mit seinen Visionen im Overlook Hotel. Das macht Léa Pool nicht nur über seine Stummheit und seine Auftritte im Engels- und im Piratenkostüm deutlich, sondern auch mit einer kleinen Einstellung mit Adam auf einem Dreirad in einem Hotelgang, welche ganz klar auf Kubrick verweist.

Adam in ‚Hôtel Silence‘ vs. Danny im Overlook Hotel in Kubricks ‚Shining‘ © Montage Sennhauser

Hôtel Silence ist ein wirklich schöner Film, voll mit schmerzlicher Hoffnung und Verweisen auf die Resilienz und die Kraft, welche menschliche Solidarität erzeugt. Und zugleich ist das, wie alle wirklich gut gemachten Melodramen, ein weiterer Beweis für die Selbstheilkraft des Kinos.

Im Kino ab 12. Juni 2025
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