
«Kulturelle Aneignung» gehört zur DNA des Musicals, die Exotisierung der Realität ist letztlich eine subtile Form der Satire, Ironie der ideale Stoff für des Kaisers neue Kleider. Man denke bloss an Gilbert & Sullivans «The Mikado» als Vorläufer oder an Rogers & Hammersteins «South Pacific» als eine der Kronen des Konzepts.
Wohl auch darum hat sich der Franco-Vietnamese Stéphane Ly-Cuong schon von mehr als 25 Jahren als Musical-Kritiker und Schauspieler die Figur der Yvonne Nguyen ausgedacht, eine in Frankreich geborene Tochter vietnamesischer Eltern. Sie trägt all die Dilemmata der Einwandererkinder in sich, die kulturelle Schizophrenie, den Kampf gegen die Klischees und die Typisierung, und die zeitweilige Verlorenheit zwischen Abstammung und Geburtsland.

Nach vielen Rollen als Schauspieler und etlichen selbstgeschriebenen Kurzfilmen hat Ly-Cuong nun der Yvonne Nguyen seinen ersten eigenen Langspielfilm gewidmet, und sein von Clotilde Chevalier eindrücklich verkörpertes Semi-Alter-Ego auf den gnadenlosen Trip zwischen die Kulturen geschickt.
Im reichlich mit Musical-Elementen unterfütterten Dans la cuisine des Nguyen bringt dies die alte Mutter der Titelheldin sehr küchenphilosophisch auf den Punkt.

Ma Nguyen (Anh Tran-Nghia) ist Inhaberin und Chefköchin des vietnamesischen Restaurants, das sie mit ihrem verstorbenen Mann aufgebaut hat. Den noch immer nicht begrabenen Traum ihrer Tochter, eines Tages ihre professionelle Ausbildung als Musical-Darstellerin in einer grossen Rolle der Welt präsentieren zu können, kommentiert die Mutter aus ihrer bescheidenen Perspektive:
«Eine Vietnamesin in einem Musical-Theater, das ist wie ein Elefant, der Nems macht. Das ist super, aber existiert nicht.»
Und als Yvonne dann schliesslich doch in die Endrunde für die Hauptrolle als «Asiatin» in einer neuen französischen Musicalproduktion kommt, und sich dazu gedrängt fühlt, auf die vietnamesische Kultur zurückzugreifen, die sie nie vor Ort erlebt hat, meint Ma gar:
«Eine Vietnamesin, die nie in Vietnam war. Das ist wie Nems ohne Fischsauce. Nicht sehr gut.»

Dans la cuisine des Nguyen ist randvoll mit witzigen, rührenden und nachdenklichen Momenten. Alles dreht sich um Identität und Projektion, Anerkennung, echte und falsche Rollenbilder. Gleichzeitig ist die Liebe zum Musical nicht nur der Antrieb des Filmemachers und seiner Figur, sondern auch der Stoff, der das alles zusammenhält.
Als Film ist das kein formal zwingendes Experiment, dafür werfen Ly-Cuong und seine Mitstreiterinnen viel zu viel disparate kleine Binnen-Höhepunkte in ihren Musical-Mixer. Aber dafür ist auch allen Beteiligten ihre Freude jederzeit anzumerken. Clotilde Chevalier in der Titelrolle ist wunderbar über die ganze Bandbreite hinweg, Anh Tran-Nghia als Ma Nguyen überzeugend ruppig-rührend und Filmemacher Stéphane Ly-Cuong gönnt sich selbst einen ironischen Metaauftritt in einer Szene, die sich ganz wunderbar über die abendländischen Fernostklischees lustig macht.

Und dann ist da noch der ziemlich witzige Auftritt von Thomas Jolly, dem Regisseur der Pariser Olympia-Eröffnungs- und Schlussspektakel, der ausgerechnet den enthusiastisch erfolgsverwöhnten Musical-Schöpfer Philippe Vernon verkörpert, den Mann, der die Türmung der Asien-Topoi in seinen Songs zur schamlos barocken Überblüte bringt.
Aber auch wenn Dans la cuisine des Nguyen keine Auszeichnung für filmische und formale Stringenz gewinnen wird: Die Publikumspreise diverser Filmfestivals hat dieses ebenso witzige wie rührende kleine Feuerwerk einsammeln können – was durchaus für einen baldigen Kinobesuch mit möglichst viel Publikum spricht.
Im Kino ab 12. Juni 2025
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