LES FANTÔMES von Jonathan Millet

Hamid (Adam Bessa) und Harfaz (Tawfeek Barhom) © cineworx

Auf den ersten Blick verbindet den palästinensischen Schauspieler Tawfeek Barhom (Boy from Heaven, 2022) wenig mit dem britischen Über-Mimen Sir Laurence Olivier. Und doch hat mich der raffinierte Polit-Spionage-Rache-Thriller Les fantômes immer wieder an John Schlesingers Marathon Man (1976) mit Dustin Hoffman und Laurence Olivier erinnert.

Zunächst natürlich, weil die beiden Filmfiguren, Tawfeek Barhoms Harfaz in Les fantômes und Laurence Oliviers Zahnarzt Christian Szell in Marathon Man, eine mögliche Vergangenheit als Folterer verbindet. Vor allem aber, weil die furchtbaren Schatten der Vergangenheit in beiden Filmen ihren eigenen Terror-Tenor ausbreiten.

Laurence Olivier und Dustin Hoffman in ‚Marathon Man‘ (1976) © Paramount

Dabei ist Jonathan Millets beinahe dokumentarisch wirkender Thriller weitaus subtiler als Schlesingers Klassiker, den die meisten von uns vor allem wegen der furchtbaren Zahnbohrszene in Erinnerung behalten haben.

So setzt Millet zum Beispiel effizient auf die Kraft der Schilderung, wenn wir als Kinozuschauer mit der Hauptfigur zusammen die als Audio aufgezeichneten Foltererrinnerungen einzelner Regime-Opfer anhören. Oder wenn Hamid beim Asylbeamten statt einer Erzählung wortlos sein T-Shirt auszieht und wir nur aufgrund des betroffenen Gesichtsausdrucks des Mannes hinter dem Pult eine Ahnung davon bekommen, wie dieser Rücken wohl aussieht.

Millets Hauptfigur Hamid (Adam Bessa) stolpert auch nicht naiv und unschuldig in das Gewebe aus versteckter Schuld und falscher Identitäten wie Dustin Hoffmans New Yorker Geschichtsstudent Babe Levy.

Der Syrer Hamid, der seine Frau und seine Tochter an das Terrorregime von Assad verloren hat, ist im berüchtigten Gefängnis von Saidnaya gefoltert worden. Nun hat er sich im Asyl einer gut organisierten Gruppe angeschlossen, welche die verbrecherischen Handlanger des Diktators aufzuspüren versucht, die ebenfalls als Syrien-Flüchtlinge in Europa untergetaucht sind.

Insbesondere ist Hamid auf der Spur jenes Mannes, der ihn in Saidnaya über Wochen misshandelt hatte. Er kennt sein Gesicht nicht, weil die Gefangenen stets Säcke über den Kopf gestülpt bekamen. Dafür kennt er den Gang des Mannes, seine Sprache, seinen Schweissgeruch.

Hamid (Adam Bessa) und Nina (Julia Franz Richter) © cineworx

In Strassburg ist er zufällig auf Chemiestudenten getroffen, den er für seinen Folterer hält. Auf einer Parkbank trifft er sich immer wieder diskret mit Nina aus Deutschland (die österreichische Schauspielerin Julia Franz Richter), welche ihm Geld und Unterlagen zuspielt.

Dustin Hoffman und Marthe Keller in ‚Marathon Man‘ (1976) © Paramount

Überhaupt ist diese Untergrund-Zelle perfekt organisiert. Sie treffen sich regelmässig in der unverfänglich virtuellen Welt eines Online-Kriegsgames, wo Unterhaltungen über Tod und Zerstörung zur Normalität gehören und sicher keine Fahndungs-Algorithmen aufscheuchen. Zudem tragen sie alle das Fan-Alias eines Fussballclubs, etwa Hertha Berlin oder Eintracht Frankfurt. Hamid ist RC Strasbourg.

Diese organisatorischen Details, von Millet sorgfältig über reale Organisationen recherchiert, tragen ebenso zur Spannung des Films bei, wie die Fragen, die nie gestellt und damit schon gar nicht beantwortet werden, etwa die nach der Finanzierung dieser Zellen, welche offenbar problemlos auch Flüge und Reisen, Unterkünfte und Lebensunterhalt der Beteiligten umfasst.

Aber das Leben, die Seele des Films liegt in dem, was der Filmtitel beschwört: Les fantômes. Das sind nicht nur die Gespenster, welche Hamid nicht abschütteln kann, jene Fantome, die er jagt, und jene, die ihn in seinen Träumen und Erinnerungen heimsuchen. Es sind auch die seines Gegenspielers Harfaz, wie sich in der klimaktischen Begegnung der beiden jungen Männer zeigt, bei einem harmlosen Mittagessen.

Hamid (Adam Bessa) © cineworx

Denn die Frage, die über allem schwebt, ist immer die gleiche: Ist dieser Mann, wer er zu sein vorgibt? Ist er der, für den er gehalten wird? Und was ist Gerechtigkeit in einem solchen Fall? Übergabe an die Justiz oder eigenmächtige Vollstreckung der Rache?

Formal mischt Millet ziemlich brillant dokumentarischen Psychorealismus und durchgetaktete Thrillerelemente bis hin zur raffinierten Tonspur mit einem Score, der bisweilen nicht die geringsten Skrupel zeigt beim Einpeitschen von Spannung und dramatischen Wendungen.

Millet balanciert dabei subtil die schwebenden Zustände seiner traumatisierten Figuren, das grundsätzliche Misstrauen, dass sich all Exil-Syrerinnen und -Syrer unter diesen Umständen entgegenbringen.

Das alles macht Les fantômes zu einem psychologisch packenden Thriller-Drama, das sowohl als Genre-Film wie als Psychogramm der Heimgesuchten schmerzlich gut und überraschend fesselnd funktioniert.

Im Kino ab 19. Juni 2025


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