MEXICO 86 von César Diaz

Maria (Bérénice Béjo) © xenix

Dass Frauen im bewaffneten Widerstand Beruf und Kinder noch viel weniger vereinbaren können als andere Mütter, darüber machen wir uns kaum Gedanken. Die revolutionären Untergrundorganisationen Südamerikas, etwa jene, welche gegen die Diktatur in Guatemala kämpften, die hatten dafür offenbar eine radikale Lösung: Die sogenannten «Bienenstöcke», revolutionäre Kinderheime in Cuba oder Nicaragua.

Für den guatemaltekisch-belgischen Regisseur César Diaz gehört die Erfahrung zu seiner eigenen Kindheit. Er ist bei seiner Grossmutter aufgewachsen, während seine Mutter mit der Guerilla im mexikanischen Exil den Kampf gegen die Militärdiktatur weiterführte. Hätte die Grossmutter nicht darauf bestanden, wäre auch Diaz in einem «Bienenstock» untergebracht worden.

Anders als mit seinem fast dokumentarisch nüchternen Durchbruchsfilm Nuestras madres von 2019 führt er sein Publikum mit Mexico 86 nun über genretreues Agentenkino an diese Mütter heran, die den allgemeinen Kampf gegen Ungerechtigkeit über die eigene Familie stellten.

Maria (Bérénice Béjo) und Sohn Marco (Matheo Labbé) © xenix

Damit das überhaupt gelingen kann, steht nicht der Sohn im Mittelpunkt, die Geschichte wird konsequent aus der Position der Maria (Bérénice Béjo) erzählt, von den ersten Szenen an, als sie mit dem weinenden Baby im Arm knapp der guatemaltekischen Geheimpolizei entkommt. Zehn Jahre später arbeitet sie in Mexiko unter einem anderen Namen und mit vielen Perücken als Lektorin auf einer Zeitungsredaktion, verschiebt mit ihrem Partner Waffen und Informationen für die Organisiation und wechselt falls nötig blitzartig von einem Safe-House in ein anderes.

Der Kontakt zu ihrer Mutter und dem Sohn in Guatemala ist schwer aufrechtzuerhalten, um so mehr freut sie sich auf deren Besuch in Mexiko im Jahr der Fussballweltmeisterschaft, in dem ein paar weitere Touristen nicht weiter auffallen dürften.

Maria (Bérénice Béjo) und Miguel (Leonardo Ortizgris) © xenix

Die Begegnung verläuft herzlich, der zehnjährige Marco freut sich, mit seiner Mutter die Stadt besichtigen zu können. Er ist aber auch enttäuscht, als sie ihm einmal mehr verbietet, ein Erinnerungsfoto von ihr zu machen. Nichts und niemand soll die Schergen der Diktatur auf ihre Spur bringen können und dadurch das Leben ihres Sohnes gefährden.

Zudem eröffnet Marias Mutter Eugenia (Julieta Egurrola) ihr bald den wahren Grund für die beschwerliche Reise: Ihr Krebs hat sich als unheilbar erwiesen, sie wird sich nicht weiter um den zehnjährigen Marco kümmern können. Und sie nimmt ihrer Tochter das Versprechen ab, das Kind nicht nach Kuba zu schicken.

Maria (Bérénice Béjo) und Sohn © xenix

César Diaz folgt mit seinem Film den grossen Vorbildern des Genres; er selbst nennt Sidney Lumets Running on Empty von 1988, aber Mexico 86 weckt auch Erinnerungen an Costa-Gavras’ Filme wie etwa Missing von 1982.

Bérénice Béjo gelingt es gut, die Zerrissenheit, aber auch die Entschlossenheit ihrer Figur spürbar zu machen. Gleichzeitig macht aber gerade auch die sorgfältige Ausstattung des Films deutlich, dass wir in komplett anderen Zeiten leben. Der Film hat, aller unmittelbaren Emotionalität zum Trotz, eine Patina, einen Hauch von Rekonstruktion.

Maria (Bérénice Béjo), Marco (Matheo Labbé) und Miguel (Leonardo Ortizgris) © xenix

Während wir uns alle den Mut und die Konsequenz dieser Maria wünschen würden, angesichts der immer bedrohlicher aufziehenden totalitären Tendenzen unserer Welt, wird auch unumstösslich klar, dass dieser bewaffnete Widerstand im Untergrund nur noch eine fast schon romantische Erinnerung ist. Die heutige Unterdrückung ist totaler, virtueller und komplexer. Gut eingewickelte Gewehre in Ölfässern kommen dagegen nicht mehr an – wenn sie es je getan haben.

Aber das Dilemma der Menschen im Widerstand, vor allem jenes der Frauen und Mütter, das ist das gleiche geblieben.

Im Kino ab 26. Juni 2025
Spielorte und -zeiten bei cinefile.ch


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