
Literarische Bestseller zu verfilmen ist ein tückisches Unterfangen. In der Regel sind es ja weder die sprachliche Brillanz noch die intellektuelle Tiefe, welche sich im Kino verkaufen, sondern die emotionale Wucht. Und dafür ist Eran Riklis Verfilmung von Azar Nafisis Roman «Reading Lolita in Tehran» ein Paradebeispiel. Die Emotionen sind da, die Wut, die Angst, die Hoffnung, gespiegelt in den Gesichtern der Darstellerinnen. Allen voran die stets mitreissende Golshifteh Farahani, die sich in diesem Film noch einmal selbst übertrifft.
Farahani spielt die iranischstämmige Literaturprofessorin, welche nach der islamischen Revolution von 1979 voller Hoffnung mit ihrem Ehemann aus den USA nach Teheran zurückkehrt, bloss um sehr bald ernüchtert die Unterdrückung der Frauen im allgemeinen und die Zensur der literarischen Studien im neuen Ajatollah-Regime zu erfahren. Sie gibt ihren Lehrstuhl auf und beginnt, mit ein paar ihrer engagiertesten Studentinnen in ihrem eigenen Wohnzimmer heimlich die verbotenen «dekadenten» englischsprachigen Klassiker zu lesen, angefangen mit Nabokovs «Lolita».

Eran Riklis und seine vor allem an Serien geschulte Drehbuchautorin Marjorie David haben die vierteilige Struktur des Buches übernommen, sie aber chronologisch rearrangiert und die Autorennamen durch leichter zu assoziierende Buchtitel ersetzt. Aus «Lolita», «Gatsby», «James» und «Austen» macht der Film «Part 1: The Great Gatsby», «Part 2: Lolita», «Part 3: Daisy Miller» und «Part 4: Pride & Prejudice».
Das funktioniert wie auf Schienen, ohne das Publikum durch allzu viele Argumente zu verwirren. Azar und ihr Ehemann Bijan (Arash Marandi), ein Architekt, kommen am Flughafen in Teheran an, und schon bei der Kofferkontrolle durch den finster blickenden Revolutionswächter stossen die mitgebrachten Bücher auf wegwerfende Missbilligung.

Nafisis erste Lehrveranstaltung wird dann auch gleich zu einer für das Kinopublikum, als sich die Studentinnen von der komplexen und komplizierten Liebe von F. Scott Fitzgeralds Millionär Jay Gatsby durchaus angetan zeigen, während die männlichen Studenten das alles bereits mit dem islamistischen Blick als kapitalistisch unmoralischen, materialistischen Transaktionismus brandmarken.
Ihr wollt uns doch bloss wieder unter den Schleier zwingen, meint eine der Studentinnen wütend, was ihr Kommilitone maliziös mit «das dauert eh nicht mehr lange» kommentiert. Azar Nafisi reagiert auf die Vorwürfe an das Buch, indem sie einen literarischen Prozess veranstaltet, den «Prozess der Islamischen Republik Iran gegen den grossen Gatsby» und in Ermangelung einer oder eines Freiwilligen die Verteidigung des Romans gleich selbst übernimmt.
Im Buch von Nafisi ist dieser Prozess ein zentraler, sehr intellektueller und scharfsinniger Kern der ganzen Diskussion um Revolution und Literatur. Im Film dagegen läuft das bezeichnenderweise gerafft und simplifiziert ab und leitet direkt über zur gewaltsamen Niederschlagung von Studentinnenprotesten durch die Revolutionsgarden und weibliche Angehörige der Sittenpolizei.
Das ist allerdings nicht weiter erstaunlich, weil die paar eifernd konservativen männlichen Studenten sich schon in den vorangehenden Szenen vor allem durch ein erbärmliches intellektuelles Niveau ausgezeichnet haben. Hier läuft Riklis mit seinem Film in die selbstgestellte Populärfalle, was sich auch in späteren Gesprächen von Nafisi mit ihren Untergrundstudentinnen immer wieder zeigen wird: Bloss niemanden im Publikum mit literarischen Argumenten überfordern.

Auf der emotionalen Ebene dagegen entpuppt sich die Strategie des Films als durchaus wirkungsvoll. Insbesondere die Ohnmacht und die Wut der Frauen angesichts der willkürlichen Gewalt, der Vergewaltigungen und Hinrichtungen im Gefängnis, der Gefahr durch überforderte Ehemänner und die Angst um die Zukunft der Kinder gehen einem sehr direkt sehr nahe.
Zudem baut Riklis in seinen ansonsten überaus konventionell gebauten Film auch ein paar bildhaft poetische Momente ein, etwa wenn Nafisi und ihr literarisch-philosophischer Mentor und Freund sich auf einer Bank darüber unterhalten, wie der vergitterte und geschlossene Laden auf der anderen Strassenseite einst das blühende Paradies für alle Bücherliebhaberinnen gewesen war – und sich die Szenerie kurzfristig zurückverwandelt in eine Strassenkaffeelandschaft mit fröhlichen jungen Leuten und Liebespaaren.

Reading Lolita in Tehran ist eingängiges, bisweilen auch wuchtig emotionales Kino und einer der besten Auftritte der vielbeschäftigten Golshifteh Farahani seit langem. Über sechzig Film- und Serienrollen hat sie in den letzten 27 Jahren gespielt, darunter so unterschiedliche wie die Laura in Jim Jarmuschs Paterson von 2016, eine moderne Ethnohexe im cleveren französischen Horrorfilm Roqya (2023) von Saïd Belktibia oder gar die Ehefrau des Schweizer Titelhelden im demnächst anlaufenden William Tell von Nick Hamm.
Derzeit an diversen Orten im Mittagskino, regulär ab 3. Juli 2025
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