
Manchmal ist Transparenz die beste Strategie. Lionel Baiers letzter Film, La dérive des continents (au sud), drehte sich unter anderem um inszenierte und erzwungene politische und mediale Transparenz innerhalb der EU rund um die Mittelmeer-Flüchtlinge in einem Lager in Sizilien. Der Film zeigte unter anderem, wie die Medienteams von Angela Merkel und Emmanuel Macron vor deren Lagerbesuch die Lagerzustände so inszenierten, dass ihre Chefs dann für schnelle und medial wirksame «Verbesserungen» sorgen konnten.
Für sein jüngstes Werk, die freie Adaption des Erstlingsromans «La cache» von Christophe Boltanski, erlegt der Westschweizer Regisseur sich nun gleich selbst die Transparenzregel auf und inszeniert zum Filmeinstieg das Buch als Buch und damit den Film als persönliche Lektüre. Unter anderem, indem er, der Regisseur, auch gleich die Stimme des Ich-Erzählers liefert. Zugleich spielt er – typisch Baier – eine kleine Nebenrolle als verräterisch kleinlich nörgelnder Nachbar der Grossfamilie Boltanski, um die sich die ganze Geschichte dreht.

Boltanskis autobiografisch-semifiktiver Roman erzählt aus der Sicht des jüngsten Familienmitglieds von dieser jüdisch-intellektuellen Pariser Familie mit russischen Wurzeln. Fast die ganze Familie lebt in der gleichen grossen Pariser Innenhofwohnung, rund um die Urgrossmutter aus Odessa, welche von den Familienmitgliedern liebevoll «Arrière-Pays» (Hinterland) genannt wird.

Auch sonst sind die Familienbezeichnungen Ausdruck einer komplexen emotionalen Familiengeografie. Der Grossvater, Professor Etienne Boltanski (der grosse Michel Blanc in seiner letzten Rolle), wird Père-Grand genannt, die Grossmutter (Dominique Reymond), eine Autorin und politische Aktivistin ist die Mère-Grand, die Onkels sind Grand-oncle, respektive Petit-oncle. Während Mère und Père einen eigenen Haushalt gegründet haben, campt die restliche Familie in engster Verbundenheit in diesem Appartement, das seine eigene Geschichte rund um das titelgebende Versteck erst nach und nach preisgeben wird.
Dass der Film im Mai 1968 spielt, während in den Strassen von Paris Parolen gerufen, Barrikaden errichtet und Pflastersteine geworfen werden, das war für Lionel Baier wohl einer der Gründe, diesen Film anzugehen. Denn nicht nur die von der Nazi-Zeit offensichtlich noch immer schwer traumatisierte Grossfamilie zieht echte und fiktive Parallelen, auch Autor Boltanski und Regisseur Baier spielen vergnügt und schwarzhumorig mit den inneren und äusseren Unruhen.

Als der Junge sich aus dem prall gefüllten Kleiderschrank bei den Grosseltern eine Jacke aussuchen darf, um in die Schule zu gehen, fällt seine Wahl auf einen Kittel, auf den noch der Judenstern aus der Besatzungszeit aufgenäht ist. Lass ihn ruhig, meint Mère-grand, auch wenn Père-grand sich fragt, wie wohl die Mitschüler des Jungen darauf reagieren mögen.
Auch für Lionel Baier, dem mit Jahrgang 1973 offensichtlich mit Bedauern und Dankbarkeit Nachgeborenen, ergeben sich aus der Konstellation neue Möglichkeiten, die revolutionären Zeiten kurz vor seiner Geburt zu rekonstruieren, wie er das auch schon 2013 mit seinem liebevollen Les grandes Ondes (à L’ouest) für die Nelkenrevolution in Portugal getan hat.
Nicht zuletzt darum ist La cache ein Ausstattungsfest. Die Kostüme, die Autos, die Sprache, die Kleider, ja selbst das Audioaufnahmeequipment der Mère-grand sind mit viel Aufwand dazu angetan, ältere Semester (wie mich) in ihre Kindheit zurückzuversetzen – was wiederum dem Ton und der Perspektive des Film zugute kommt.

Und anders als etwa die eben auch im Kino angelaufene Literaturverfilmung Reading Lolita in Tehran von Eran Riklis, welche die literarischen, sprachphilosophischen und revolutionstheoretischen Momente der Vorlage fast vollständig zugunsten maximaler Emotionalisierung unter den Tisch wischt, wird Lionel Baier der Romanvorlage seines Films auch auf diesen Ebenen mehr als gerecht. Alles andere wäre auch absurd angesichts der massiven intellektuellen und historischen Bezüge, mit denen Boltanski in seinem Buch spielt.
Dass gleichzeitig auch eine fast schon eine tarantinomässige Geschichtsumdeutung im Bezug auf Charles De Gaulles kurzfristiges Verschwinden im Mai 1968 abgegeben wird, macht La cache zu einer subtil treppenwitzigen historischen Lektion ohne Zeigefinger.
Lionel Baiers transparent für die Leinwand adaptierte Fassung des Romans La cache ist ein unterhaltsames, bisweilen rührendes, komisch-ernsthaftes, eigenständiges kleines Kunstwerk.
Im Kino ab 10. Juli 2025
Spielzeiten und -Orte
Entdecke mehr von Sennhausers Filmblog
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

