
‘Reverse Engineering’ nennt man das Analysieren und Nachbauen von Algorithmen. Schauspielerin und Regisseurin Kelly O’Sullivan hat genau das mit Shakespeare versucht. Das Resultat ist Ghostlight, der kühne, im Resultat rührende, aber auch irgendwie absurde Versuch, ‘Romeo & Julia’ auf relevante Weise im Leben einer realen Familie zu verankern.
Dan ist Strassenbauarbeiter in Waukegan, Illinois. Seit dem Tod ihres Sohnes kämpfen er und seine Frau Sharon nicht nur mit ihrer Trauer, sondern auch mit den disziplinarischen Problemen ihrer Tochter Daisy. Eher zufällig gerät der verschlossene Dan an eine Amateurtheatertruppe, welche Shakespeares ‘Romeo & Juliet’ einstudiert. Und noch zufälliger geht schliesslich ausgerechnet die Rolle des Romeo an ihn, weil die Julia-Darstellerin Rita (Dolly De Leon) wie er schon im fortgeschrittenen Alter ist.
Natürlich gibt es keine Zufälle in Spielfilmen. Kelly O’Sullivan hat hier sorgfältig die Fäden ihres Drehbuches um unzählige Momente gewunden und den Film auch gleich zusammen mit ihrem Lebenspartner Alex Thompson inszeniert. Keith Kupferer, der Darsteller des Dan, und seine Frau Tara Mallen, welche Dans Frau Sharon spielt, sind auch im wahren Leben die Eltern ihrer Filmtochter Daisy (Katherine Mallen Kupferer).

Das Wunder dieses Films liegt darin, dass er überraschend gut funktioniert. Und das wiederum hat viel damit zu tun, dass O’Sullivan und Thompson nicht nur auf filmischen Realismus setzen, auf ‘working class psychology’ und ‘kitchen sink realism’, sondern mit eben so viel Verve und Begeisterung auf die Mythen und Attraktionen des Theaters und der Bühne.
Das «Ghostlight» des Titels benennt im Theater die minimale Bühnenbeleuchtung, welche auch dann brennt, wenn niemand da ist, um Unfälle wie einen Sturz in den Orchestergraben oder ein Stolpern über Kulissenteile zu vermeiden. Aber zugleich ranken sich, wie um vieles im Theater, auch um dieses Geisterlicht etliche Mythen. So hat die einfache nackte Glühbirne auf der Bühne neben ihrem praktischen Nutzen noch andere Aufgaben. Das Licht soll auch die Theater-Geister besänftigen, ihnen ermöglichen, nachts auf der Bühne zu spielen, oder aber sie fernhalten und das Theater vor ihrem Unfug schützen.
Nicht nur die Figuren in diesem Film glauben an die heilende und transformierende Kraft der Bühnenkunst, sondern offensichtlich und demonstrativ auch die Schauspielerinnen und Schauspieler. Die Familiendynamik der Theatertruppe spiegelt die Familiendynamiken des Alltags und die wiederum bringen die Macherinnen und Macher des Film gleich mit in die Konstruktion.

Wenn der wenig gebildete Dan sich bei seiner Tochter scheu erkundigt, ob sie Shakespeares Romeo und Julia vielleicht kenne, und die gleich mit einem Monolog aus dem Stück antwortet (gelernt in der Schule), dann entsteht eine greifbare Bindungsverstärkung zwischen den beiden. Und die wird dann auch gleich zu Kinopublikum hinüber geknüpft, wenn Daisy ihrem Vater auf dem Laptop den Film dazu zeigt: «The movie is a classic. It’s old. But good.»
Damit meint sie natürlich nicht den Zeffirelli-Film von 1968, und schon gar nicht einen der frühen Klassiker der Stummfilmzeit, sondern Baz Luhrmanns Romeo + Juliet von 1996. Schliesslich hat Daisy maximal das Alter ihrer Darstellerin. Und Katherine Mallen Kupferer kam 2012 zur Welt…

Ghostlight mag als Film in den ersten Minuten etwas bemüht wirken, zumal die Exposition der Familienkonstellation ganz auf filmischen Realismus setzt. Aber ab dem Moment, in dem die Magie des Theaters und der Glaube an die transformative Wirkung des Spielens Einzug halten, häufen sich die starken Szenen, bis hin zur begeisterten Gänsehaut, wenn sich Stück und Leben für den emotional blockierten Dan zu mischen beginnen und alles aufbricht.
Im Kino ab 10. Juli 2025
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