NIFFF 2025 – Der neue Horror: Wir, die Alten

Die Mutter, das Portal zur Hölle: Robyn Nevin in ‚Relic‘ (2020) von Natalie Erika James © Film Constellation

Die greise Mutter als Portal zum jenseitigen, unmenschlich Bösen. Das Elend und das schlechte Gewissen des Sohnes, der sie ins Altersheim fährt. Die Tochter, die ihrer Mutter vorhält, die Grossmutter aus Bequemlichkeit versorgen zu wollen: Die Motive einiger der neuen Filme, die am diesjährigen NIFFF zu sehen sind, greifen direkt auf die Ängste, den Schmerz und den Horror unserer aktuellen Gesellschaft zu.

Natürlich war das schon immer das Prinzip des wahren Schreckens. Die Ahnen mussten besänftigt werden, um nicht als Geister die nächste Generation heimzusuchen. Die plötzliche Fremdheit vertrauter Menschen spiegelte sich in den Untoten und Wiedergängern der archetypischen Menschheitsgeschichten. Die Kirche machte ihren Gläubigen zwecks Machterhalt die Hölle heiss. Die Puritaner verteufelten den Sex zwecks besserer Gesellschafts- und vor allem Frauenkontrolle. Und das alles schlug sich stets nieder im genregerechten Horrorkino.

Da suchte sich das Böse seinen Weg in die Welt noch durch die Kinder: Linda Blair in ‚The Exorcist‘ (1973) Harvey Stephens in ‚The Omen‘ (1976) © Montage mis

Noch in den 1960er und 1970er Jahren konnte das Kino auf die Schreckensbilder der Kirche zurückgreifen, den Teufel an die Wand malen mit Rosemary’s Baby (1968), The Exorcist (1973) oder The Omen (1976). Im Teenie-Horror der 1980er Jahre etablierte sich endgültig die Regel, dass zuerst stirbt, wer zuerst Sex hat. Und die Zombies haben seit ihrer genrebildenden Inkarnation über George A. Romeros Night of the Living Dead (1968) so viele Mutationen durchgemacht, dass praktisch jede nachfolgende Generation ihre eigene Zombie-Version bekam, von langsam schlurfend über rasend, schnell, konsumgeil verzehrend, oder explosionsartig invasiv bis zu pandemisch ansteckend.

Aber so wie wir, die Babyboomer und ihre Kinder, die wir mit diesen Genrekonventionen älter geworden sind, sind auch die Tropen und Motive älter geworden. Das lässt sich unter anderem an den vielen Parodien auf die klassischen Filmmonster leicht ablesen. Aber das Genrekino, das fantastische Kino, ist und bleibt am Puls der Zeit. Es lebt und stirbt mit den Ängsten der Generation seiner Macher und deren Zielpublikum.

Da ist es nur logisch, wenn sich nun die Ängste und Sorgen jener spiegeln, die im Alter sind, sich um das Wohlergehen, den Zerfall und das Sterben ihrer Eltern Gedanken machen zu müssen. Und genau das treibt den neuen Horror dieser neuen Genrefilme an.

Robyn Nevin in ‚Relic‘ (2020) von Natalie Erika James © Film Constellation

Da ist zum Beispiel Relic (2020) von Natalie Erika James, ein dermassen gekonnt und überraschend gebauter Film, dass es doppelt schade ist, dass er während der Covid-Pandemie eine grössere Kinoauswertung verpassen musste. Das NIFFF zeigt ihn in der Reihe «Take Care», die der Pflege und Care-Arbeit im weitesten Sinne gewidmet ist.

Im Kern dreht sich der Film um drei Frauen, drei Generationen. Kay (gespielt von der feinen und stets überraschenden Emily Mortimer) macht sich Sorgen um ihre alleinlebende Mutter Edna (Robyn Nevin), seit diese deutliche Zeichen von Demenz aufweist. Als die örtliche Polizei anruft und meldet, Edna sei schon einige Tage nicht mehr gesehen worden, fährt Kay mit ihrer Tocher Sam (Bella Heathcote) zum Haus und findet dort nicht nur keine Spur der Mutter, sondern vor allem Zeichen des Zerfalls. Und als die Mutter schliesslich aus dem Wald kommt, barfuss, zerkratzt und ohne Erinnerungen an das, was sie in den Wald getrieben hat, wirkt sie auf Tochter und Enkelin zunehmend fremd. Bis nicht mehr von der Hand zu weisen ist, dass die alte Frau nicht einfach unter Demenz und Stimmungsschwankungen leidet, sondern bisweilen wie die Emanation einer dunklen, furchteinflössenden Welt erscheint.

Ganz ähnlich funktioniert der im internationalen NIFFF-Wettbewerb gezeigte Hemmet – The Home von Mattias Johansson Skoglund aus Schweden. Hier ist es der Sohn, der zu seiner Mutter fährt, um sie gegen ihren Willen aus ihrem Haus ins Altersheim zu bringen.

Bengt, der tote Vater, das inkarnierte Böse: Peter Janket im ‚Hemmet‘ (The Home) von Mattias Johansson Skoglund © Inland Film

«Aber Bengt wartet doch auf mich!» erklärt die alte Frau, mit Angst in den Augen. Bengt sei zum Glück tot, der könne ihr und ihm nichts mehr anhaben, erwidert der Sohn im Hinblick auf den verstorbenen Vater. Aber das Trauma klingt nach. Dem Sohn erscheint der hasserfüllte sadistische Vater beim Räumen des Hauses, der Mutter im Altersheim. Und nicht nur ihr, sondern auch durch sie. Die alte Frau kennt die Gewissensbisse und Ängste des Pflegepersonals und der anderen Heimbewohner, Dinge, von denen sie eigentlich nichts wissen sollte. Und sie setzt sie als Waffe ein.

Horror im Altersheim: ‚Hemmet‘ von Mattias Johansson Skoglund © Inland Film

Beide Filme kombinieren den Schrecken der sich abzeichnenden Demenz, die komplette Entfremdung der Eltern von den Kindern, mit dem Horror des schlechten Gewissens, ihnen nicht die Liebe und vor allem die Geduld und die Pflege zukommen lassen zu können, die angemessen wären. Dass sich die alten Geister- und Jenseitsvorstellungen des traditionellen Horrorkinos so leicht mit unseren gegenwärtigen Ängsten verbinden lassen, verweist auf die wirksame, aktive Komponente des Horrorfilms im allgemeinen: Es sind nicht die archetypischen Ängste allein, welche uns in die Knochen fahren, nicht die Spinnen, die Monster, die Geister, sondern der psychologische Druck, über den wir uns selbst innerhalb unserer Gesellschaft definieren, das Gewissen, das uns menschlich macht, und angreifbar.

Insofern lohnt sich der Blick auf die jeweils aktuellsten Trends im intelligenten Autorenhorrorkino auf jeden Fall: Dort, wo wir uns fürchten, erkennen wir uns wieder.


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