U ARE THE UNIVERSE von Pavlo Ostrikov

Volodymyr Kravchuk in 'U Are the Universe' © True Colours Glorious Films Srl
Volodymyr Kravchuk in ‚U Are the Universe‘ © True Colours Glorious Films Srl

Andriy Melnyk (Volodymyr Kravchuk) ist ein «Space Trucker», der einsame Pilot eines Raumfrachters. Mit einer Ladung radioaktiven Abfalls ist er auf dem Weg zum Jupitermond Kallisto. Zwei Jahre hin, zwei Jahre zurück, so ist es geplant. Melnyk mag die Ruhe, selbst der zur Aufrechterhaltung der Moral auf Witzeerzählen und Schachspielen programmierte Bordcomputer ist ihm eigentlich zu viel Gesellschaft.

Aber dann explodiert, sozusagen im Rückspiegel, die Erde. Melnyk ist plötzlich der einzige Überlebende der Menschheit. Mit Galgenhumor erklärt er sich zum Herrscher über alles. Den Vorschlag des Bordcomputers, die Nahrungsvorräte im Schiff zu rationieren, weist er zurück: «Lieber sterbe ich früher an Gastritis als später vor Hunger.»

Stattdessen empfängt er einen Funkspruch, zeitversetzt um drei Stunden.

Die Dreharbeiten zu Pavlo Ostrikovs erstem Langspielfilm hatten eben begonnen, als Putins Russland im Februar 2022 in die Ukraine einfiel. Das hat weder die Dreharbeiten noch die Postproduktion einfacher gemacht.

Kunst sei grundsätzlich ein Akt des Widerstandes, meint Ostrikov. Die belgisch-ukrainische Koproduktion wurde fertiggestellt. Dabei geholfen hat wohl auch der Umstand, dass so eine schauspielerische Weltraum-Soloperformance zu fast hundert Prozent im Studio gedreht wird.

Volodymyr Kravchuk © True Colours Glorious Films Srl
Volodymyr Kravchuk © True Colours Glorious Films Srl

Volodymyr Kravchuk erweist sich dabei als begnadeter Darsteller. Sein Andriy ist rührend, witzig, überraschend und vor allem eine lebendige, glaubwürdige Figur. Eine grosse Hilfe ist ihm dabei Kollege Leonid Popadko, der dem Bordcomputer Maxim seine Stimme leiht. Das freundliche Gekabbel der beiden trägt den Film lange Zeit wie eine klassische Buddy-Komödie mit dramatischem Einschlag.

Bis eine dritte Stimme dazukommt, jene der französischen Meteorologin Catherine (Alexia Depicker), die auf ihrer Beobachtungsstation in Saturnnähe festsitzt.

Ein Space-Pygmalion? Volodymyr Kravchuk © True Colours Glorious Films Srl

U Are the Universe fügt sich nahtlos ein in die grosse Tradition dieser Solo-Space-Operas. Die sind manchmal mehr, manchmal weniger bevölkert, von Tarkowskis SolarisVerfilmung (1972) über Alfonso Cuaróns Gravity (2013) mit Sandra Bullock, bis zum noch immer ungeschlagenen Meisterwerk des Sub-Genres, Moon (2009) von Duncan Jones.

Gleichzeitig bringt Ostrikovs Film andere originelle Plot-Elemente mit ein, etwa einen schönen satirischen Zug, und er löst auf verblüffende Weise das Problem, das einer der jüngeren Grossproduktionen zum Thema «allein im Weltall» zum Verhängnis geworden war:

Chris Pratt und Jennifer Lawrence in ‚Passengers‘ © 2016 Columbia Pictures Industries, Inc.

In Passengers (2016) von Morten Tyldum weckt der von Chris Pratt gespielte Weltraumpassagier die Mitreisende Aurora Lane (Jennifer Lawrence) aus dem Cryoschlaf und verurteilt sie damit dazu, lange vor der Ankunft am Ziel zu sterben – ein moralisches Dilemma, dem der Film, der darauf angelegt war, als dramatische Romanze zu funktionieren, nicht überzeugend beikommen konnte.

Ostrikovs U Are the Universe hat gleich mehrere solcher Twists zu bieten. Sie werden allerdings nicht unter den Teppich gewischt, sondern direkt und überraschend angegangen, bis hin zur wahrhaft ergreifenden Schlusseinstellung.

Ein Kammerspiel, eine Science-Fiction-Satire, eine Liebesgeschichte, ein Eifersuchtsdrama: U Are the Universe hat alles, was es für grosses Kino braucht.

Am NIFFF noch einmal zu sehen
am Mittwoch, 9. Juli und Samstag, 12. Juli 2025


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