THE UGLY STEPSISTER (Den stygge stesøsteren) von Emilie Blichfeldt

Mutter (Ane Dahl Torp) und Tochter (Lea Myren) © Memento Films

Dieses Aschenbrödel bekommt nur zwei Nüsse. Aber dafür regelmässig, und vom Stallburschen. Nein, Den stygge stesøsteren ist kein Porno. Elvira, (Lea Myren), die hässliche Stiefschwester der schönen Prinzessin Agnes (Thea Sofie Loch Næss) steht im Zentrum dieser revisionistischen Märcheninterpretation. The Ugly Stepsister ist der Film, der dem plakativen Cannes-Gewinner The Substance vorführt, wie ein wirklich mehrdimensionaler Blick auf den Machbarkeitszwang von Jugend und Schönheit funktionieren kann.

Die Norwegerin Emilie Blichfeldt war mit ihrem Abschlusskurzfilm schon am Filmfestival in Locarno. Mit ihrem ersten Langfilm fährt sie nun heftig, witzig und ziemlich drastisch ein. Dabei hat sie nicht viel mehr unternommen, als das klassische Märchen vom Aschenbrödel so wörtlich wie möglich zu nehmen, und die Perspektive von der angeblich gepiesakten schönen Unschuld zu jener der älteren Stiefschwester zu verschieben.

In einem zweiten Schritt nimmt sie sich etliche der bisherigen Aschenbrödelversionen der Populärkultur zur Brust und streut sie über Bild-, Motiv- oder gar Musikzitate durch diese wilde Satire.

Elvira (Lea Myren) unter Konkurrentinnen © Memento Films

Die arme, verträumte Elvira ist tatsächlich nicht die hübscheste. Aber ihre Mutter drängt die junge Frau auf den Laufsteg der Eitelkeit, beziehungsweise in den Kampf um den Bachelor, der mit der Mechanik von Germany’s Next Top Model ausgefochten wird. Elvira muss Zahnspange tragen, sich die Nase verschönern lassen, abnehmen, Tanz trainieren und dabei wird keine Rücksicht genommen. Weder auf die Befindlichkeit der jungen Frauen, noch auf die des Kinopublikums.

Die Nasenoperation findet mit Meissel und Hammer statt, die Kamera hält drauf. Elvira bekommt zum Abnehmen ein Bandwurmei verordnet, und sie schluckt es brav, mit allen widerwärtigen Konsequenzen. Und als es schliesslich zur Sache geht, zur pièce de résistance des Märchens, dem Mädchenfuss, der zum Schuh passend gemacht werden muss, da wird gehackt und gesäbelt, dass das Blut nur so spritzt.

Dr. Esthétique (Adam Lundgren) bei der Arbeit an Elvira (Lea Myren) © Memento Films

The Ugly Stepsister ist nicht subtil auf dieser Ebene. Und auch auf den meisten anderen nicht. Die Männerfiguren sind samt und sonders nicht nur unterbelichtet, sondern auch schmierige, sexistische Wüstlinge. Und die Frauenfiguren kommen nicht besser weg. Selbst Agnes, die Aschenbrödelfigur, ist nicht die jungfräulich geplagte Unschuld des Märchens, sondern Opfer und Akteurin in einer merkantilistischen Gesellschaft, in der die Frauen zum sich selbst anpreisenden Handelsgut geworden sind.

Gefilmt ist diese skandinavische Produktion mit viel Aufwand, Kostümen, Schauplätzen, Pferden, Kutschen und Musik. So gelingt es wunderbar, all die Vorgängerfilme, insbesondere natürlich die Disney-Produktionen, aber auch andere, wie den tschechisch-ostdeutschen Klassiker Drei Haselnüsse für Aschenbrödel zu konterkarieren und – in etlichen Szenen – in ihrer konformistischen Verlogenheit zu entlarven.

Blichfeldt kann natürlich aus dem Vollen schöpfen, kaum ein Märchen hat den Mythos der Disney-Princess stärker befeuert als Cinderella, entsprechend leicht lässt sich dieser Korpus zitieren und parodieren, oft reichen schon ein paar Takte Musik, etwa aus Karel Svobodas Titelthema zu Drei Haselnüsse für Aschenbrödel im richtigen falschen Moment, um Gelächter und Unbehagen auszulösen.

Aschenbrödel Agnes (Thea Sofie Loch Næss) crasht den Ball © Memento Films

Den stygge stesøsteren ist kein romantischer Film. In der Drastik seiner blutigen Körperlichkeit bleibt er dem Genrekino treu (was auch für The Substance gilt). Aber in seiner Konsequenz, gerade im Hinblick auf die Motivhinterfragung, ist dieses liebevoll drastische Satirikon wirkungsvoller und eingängiger und vor allem näher beim Publikum als die sanfteren Parodien und die grelleren Genrefilme.

Die schockierende Mechanik der blutigen Drastik haben schon andere Frauen gezielt zur «unweiblichen» Provokation eingesetzt, etwa die Schweizer Filmemacherin Carla Lia Monti mit Räuberinnen (2009). Emilie Blichfeldt geht allerdings geschickter und subversiver vor, indem sie nicht Camp produziert, sondern eine echte Märchenverfilmung in Mimikry, eine Reduktion der über die Popkultur verzuckerten Märchenmotive auf ihre ursprüngliche, direkte Drastik.

Am NIFFF noch einmal zu sehen am 10. Juli 2025


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