AFTER DARKNESS von Dominique Othenin-Girard und Sergio Guerraz

Julian Sands und John Hurt in ‚After Darkness‘ © filmo

Dominique Othenin-Girard ist einer der wenigen Schweizer Regisseure, die im internationalen Filmbusiness Fuss fassen konnten. Daran war sein Erstlingsfilm von 1985 nicht unbeteiligt. After Darkness erzählt mit John Hurt und Julian Sands, zwei veritablen Stars jener Zeit, in den Hauptrollen die Geschichte zweier Brüder im Psycho-Kampf um Liebe.

John Hurt spielt den britischen Anthropologen Peter Huniger, der in Genf seinen jüngeren Bruder Lawrence nach dessen wiederholten Suizidversuchen aus der Klinik holt und mit ihm in einem alten Bürogebäude eine Art therapeutische Wohngemeinschaft aufzieht. Das geht so lange gut, bis Peters Kollegin und zeitweilige Bettgenossin Pascale (Victoria Abril fünf Jahre vor Almodóvars Átame! sie international bekannt machte) die Eifersuchtskindheitstraumata der Brüder erneut ausbrechen lässt.

Victoria Abril und John Hurt in ‚After Darkness‘ © filmo

Die Psychologie in After Darkness wirkt aus heutiger Sicht eher krude, auch wenn Othenin-Girard nach der Vorführung seines durch Filmo neu restaurierten Erstlings am NIFFF am 8. Juli 2025 erzählte, er sei mit Hilfe von Psychiatern und Psychologen zusammen mit seinem Co-Autor Sergio Guerraz von einer durchaus realen, definierten Pathologie ausgegangen, der sogenannten Folie à deux (wörtlich «Wahnsinn zu zweit»). Gleichzeitig darf man die Effizienz bestaunen, mit der dieses Psychogramm im Film zuerst ausgelegt und dann durchgespielt wird. Da reiten Othenin-Girard und Guerraz 1985 eine filmische Welle ganz oben auf der Schaumkrone.

Dominique Othenin-Girard (geboren 1958) am NIFFF © mis

Klar war es Alfred Hitchcock, der mit Filmen wie Psycho oder Marnie die psychoanalytisch unterfütterte Plotmechanik populär gemacht hat. Aber der Wahnsinn hatte natürlich schon lange Methode im Kino, wie davor im Theater und in der Literatur. Mit den erfolgreichen Gialli der 1960er Jahre, den Psychokillern der 1970er und schliesslich den hochprofilierten, raffinierten Filmen wie Brian De Palmas Dressed to Kill, Ken Russells Altered States und Kubricks The Shining (alle 1980) oder Andrzej Żuławskis Possession mit Sam Neill und Isabelle Adjani von 1981 wurde der Psychothriller allerdings zu einem immer feiner verästelten Genre-Rhizom.

Julian Sands in ‚After Darkness‘ © filmo

Was After Darkness im Rückblick interessant macht, ist daher nicht nur der Umstand, dass er thematisch voll im Schwung seiner Zeit daherkam, sondern vor allem, dass ein Schweizer Produzent wie Marcel Hoehn, der zuvor mit Lyssys Die Schweizermacher einen nationalen Hit gelandet hatte, und mit den Filmen von Daniel Schmid international anerkannte Filmkunstwerke, hier den Mut hatte, mit einem Neuling eine internationale Koproduktion anzugehen, gedreht mit minimalen Mitteln in Genf, auf Englisch, mit britischen Stars, für einen internationalen Markt.

Das war in den 1960er und 1970er Jahren noch gang und gäbe, vor allem Frankreich und Italien mischten auf dem Weltmarkt mit, und auch der Schweizer Produzent Erwin C. Dietrich trug noch das seine bei zu diesen als gewinnbringend konzipierten Koproduktionen wie The Wild Geese (1978), oder Ashanti (1979). Ab den 1980er Jahren verschwanden die kommerziellen Koproduktionen und das Prinzip wurde, in seinen allzu durchsichtigen Auswüchsen später als Europudding apostrophiert, vom europäischen Autorenfilm und den Subventionsystemen übernommen.

After Darkness ist, als Psychothriller, zwar durchaus ein Genrefilm. Aber gleichzeitig weist er auch Züge des Autorenkinos auf und gehört damit zu den wenigen Hybriden jener Epoche. Was heute auch darum interessiert, weil die gegenwärtigen Autorenfilmerinnen und -Filmer ihrerseits wieder verstärkt mit Lust und Gewinn auf die Genrekonventionen zurückgreifen.

Darum passt die von filmo vorgenommene Restauration des Filmes auch so gut in die aktuelle Feature-Reihe in fünf Kapiteln: «Fantastisch! Faszinierende Genre-Filme aus der Schweiz!». Der dritte Teil, jener zum Schweizer Horrorfilm, ist seit gestern online.

Die restaurierte Fassung von After Darkness kann ab 17. Juli 2025
auf den filmo-Partnerplattformen gestreamt werden.


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