
Es gibt Menschen, die träumen anders als wir.
Das ist die zentrale These von Schlafforscherin Mikka (Jeanne Werner). Die Idee kommt nicht so gut an im Parallax-Verlag, dessen Geschäftsmodell eher auf Verschwörungstheorien basiert. Aber Lektorin Norma (Marina Guerrini) fährt der Thesentitel «Dormir sans dormir» ein wie ein Blitz. Denn Norma kann zwischen Wachsein und Traum kaum mehr unterscheiden, seit der Vater ihres Sohnes verschwunden ist.
Am Kühlschrank hat er einen Zettel hinterlassen: Bin nicht weg. Komme wieder. H.
«Öppis schtimmt nit mit däre Wält», hält Norma wiederholt fest. Und: «Sit ich Muetter bin, isch nüt meh normal».
Wohin darf sich eine Mutter flüchten, wenn die Realität zu viel wird? Oder zu wenig? Dürfen wir uns in Schönheit verlieren, in der Schönheit eines Traumes? Oder wird er dann zum Alptraum?
Norma dorma ist ein traumhaft schöner Film. Für die Augen sowieso, die klare, rotstichige, satte Farbpalette macht aus bekannten Zürcher Orten wie den Sugus-Häusern, aber auch aus dem Origens Ospizio, dem roten Turm auf dem Julierpass, oder dem Erdhaus Villa Vals flirrend reale Traumorte.

Vor allem aber ist es das Gesicht von Suters Lebenspartnerin Marina Guerrini, das uns mit einem Lächeln, einem Strahlen, einem Leuchten durch all diese verträumten Momente mitnimmt, die Sicherheit der filmischen Inszenierung verstärkend zu einem grossen Vertrauen in eine Schönheit, die uns ziemlich sicher nichts Böses will.
Suter hat wieder mit Marina Guerrini gedreht, mit den gemeinsamen Kindern, und mit jenen wohl zum Freundeskreis zählenden Darstellerinnen und Darstellern, die schon in seinem Erstlingsfilm Strangers keine Fremden waren. Auch das trägt offensichtlich dazu bei, dass Vertrauen und Vertrautheit, Geborgenheit und Zuversicht in diesem Film selbst dann gegeben bleiben, wenn die Traumlandschaft brüchig wird und sich gegen die filmische Realität zu sträuben beginnt.

Den fliessenden, subjektiven Zustand, in dem sich Norma befindet, kennt die reale Schlafforschung als paradoxe Insomnie, ein Gefühl der Schlaflosigkeit trotz echter Schlafphasen. In Norma dorma ist es witzigerweise Normas Smartwatch, die – laut und deutlich – eine messbare Realität behauptet, und dabei wie ein Alien wirkt, ein nüchterner Fremdkörper, dem auch wir angesichts des wundervoll verträumten Zeitflusses nicht folgen mögen.
Schon mit Strangers von 2018 schaffte es Lorenz Suter, unser Vertrauen in die Regeln und Gewohnheiten des Kinos zu Handläufen und Ariadne-Fäden durch eine potentiell verwirrende Plotschleifenlandschaft zu machen. War es in Strangers das Echo des Dreiecks um Bogeys Philip Marlowe und die Sternwood-Schwestern (Lauren Bacall, Martha Vickers) in The Big Sleep, so taucht in Norma dorma andeutungsweise ein Hauch von Sophie’s Choice auf, ohne allerdings die traumartige Atmosphäre tatsächlich in einen Alptraum kippen zu lassen.

Die Erfahrungen, die wir im Traum machen, sind real. Das betont ein Satz der Schlafforscherin Francesca Siclari im Vorspann von Norma dorma. Analog dazu schwingt in cinephilen Köpfen stets der Wunsch mit, das gelte auch für die Erfahrungen, die wir im Kino machen. Und doch: Als notorische Kinogänger kennen wir Zuschauerinnen und Zuschauer die gesellschaftlich gesetzten Grenzen. Das Wort von der «Traumfabrik» nagt an uns ebenso wie die puritanische Angst vor unzulässigem Eskapismus. Lorenz Suter erlöst uns von all dem.
Im Kino ab 17. Juli 2025
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