THE SALT PATH von Marianne Elliott

Raynor und Moth Winn (Gillian Anderson, Jason Isaacs) © dcm

Dana Scully aus den X-Files wandert mit Harry Potters Lucius Malfoy der englischen Küste entlang, 630 Meilen, ein Jahr lang, auf dem South West Coast Path. So zerzaust und verwittert hat man die sonst so durchgestylte Gillian Anderson noch nie gesehen. Und Jason Isaacs hinkt als Moth Winn so erbärmlich, dass man ihm unwillkürlich Malfoys infamen Schlangenkopf-Zauber-Gehstock zurückwünscht.

Gillian Anderson als Dana Scully in ‚X-Files‘ und Jason Isaacs als Lucius Malfoy in den Harry-Potter-Filmen © Montage mis

Die beiden verkörpern Raynor und Moth Winn, das britische Ehepaar, das alles verlor und sich in seiner obdachlosen Verzweiflung auf eine grosse Wanderung begab. Aus ihrer Geschichte entstand der Bestseller «The Salt Path». Zwar wird die Echtheit der Geschichte unterdessen angezweifelt. Aber an der Wirkung der Fiktion und vor allem des Films ändert das nichts.

Kinowandern ist ein eigenes Genre. All diese Filme, welche die Heldenreise-Formel auf ihr archaisch-artifizielles Minimum reduzieren.

Raynor und Moth Winn (Gillian Anderson, Jason Isaacs) © dcm

Reese Witherspoon hat es getan, 2014, auf dem Pacific Crest Trail in Wild. Die Veteranen Robert Redford und Nick Nolte machten sich ein Jahr später auf zu A Walk in the Woods, auf dem Appalachian Trail. Ja, selbst der unwahrscheinliche Horst Schlämmer, bzw. sein Erfinder Hape Kerkeling, fand Seelenfrieden auf dem Jakobspilgerweg, im gleichen Jahr 2015, in Ich bin dann mal weg. Und auch das französische Kino hat das durchgespielt, etwa mit Laure Calamy in Antoinette dans les Cévennes, mit Esel.

Selbstfindung, Überwindung der Lebenskrise, die Wanderlust, das temporäre Nomadisieren als Ausbruch aus der alltäglichen Sesshaftigkeit: Wir Kinogängerinnen und Kinogänger lieben es offensichtlich auch passiv. Die IMdB listet zum Stichwort Hiking Movies 78 Titel auf, über die letzten 60 Jahre.

Marianne Elliotts Film durchbricht die Formel und bleibt ihr doch treu. Die ersten Einstellungen zeigen Raynor und Moth im Kampf gegen die Elemente, Wetter, Wasser, Wildnis. Und auch bald schon im Kampf gegen die eigene körperliche Abgeschlagenheit. Vor allem Moth, der an der seltenen, Parkinson-ähnlichen CBD erkrankt ist, kämpft mit dem Gewicht seines Rucksacks und mit dem Gleichgewicht seines Körpers.

Gillian Anderson und Jason Isaacs © dcm

Eingeschobene Flashbacks, in Form von Erinnerungen oder auch von Alpträumen, erzählen nach und nach, wie die Winns ihren Hof verloren haben, und damit gleichzeitig ihr Heim und ihr Einkommen, und wie sie aus purer Verzweiflung aufgebrochen sind, um der Obdachlosigkeit so etwas wie eine Fassade und eine Struktur zu geben.

«Pensioniert?» werden sie immer wieder von anderen Wanderern gefragt. Einmal platzt es dann einfach aus Moth heraus: «Homeless actually. We have lost our home». Worauf die anderen peinlich berührt ins Schweigen verfallen.

Es sind vor allem die täglichen kleinen Kämpfe um Würde und Selbstachtung, welche dem Paar zu schaffen machen. Kein Geld zu haben, nach der Flucht vor dem Wolkenbruch im Pub bloss heisses Wasser zu bestellen, um heimlich einen eigenen Teebeutel einzulegen, oder sich einen einzigen Cream Tea zu teilen, oder, zum Frühstück, die Hälfte des letzten Gummibärchens.

Gillian Anderson und Jason Isaacs © dcm

Natürlich hat auch dieser Film eine publikumsfreundliche Dramaturgie. Die erste Filmhälfte zeigt gegenwärtige und vergangene Härte und Katastrophen. In der zweiten Hälfte wachsen dann die Hoffnung und eine neue Lebenshaltung, und damit verändert sich auch die nicht immer freundliche Natur zu einer neuen Heimat. Das alles bekommt Leben und Wahrhaftigkeit durch das Spiel der beiden Darsteller. Anderson und Isaacs werfen sich mit Haut und Haar in die Rollen, Verzweiflung, Wut und die manchmal aufblitzende Hoffnung und Freude sind dauernd spürbar.

Es gibt die Momente der ganz grossen Freude, eine gewisse Komik auch, unter anderem dadurch, dass Moth immer wieder mal für einen bekannten Dichter gehalten wird, so lange, bis er die Rolle für einen Moment einfach einnimmt. Und natürlich spielt da auch die Landschaft, wie sich das gehört, eine Hauptrolle.

Überhaupt: Die Bilder… für die Kamera zeichnet die Französin Hélène Louvart, welche es perfekt versteht, dokumentarischen Realismus mit magischem Licht zu kombinieren, zum Beispiel im aktuellen Reading Lolita in Tehran, oder, besonders schön, für La chimera von Alice Rohrwacher.

The Salt Path ist ein würdiger Eintrag in die lange Liste der Wanderfilme und nahe genug an unserem Alltag, um die Frage nach der eigenen Resilienz für ein paar Stunden recht deutlich nachhallen zu lassen.

Regulär m Kino ab 17. Juli 2025
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