THE LIFE OF CHUCK von Mike Flanagan

Carl Lumbly und Chiwetel Ejiofor in ‚The Life of Chuck‘ © dcm

Am Anfang, beziehungsweise am Ende, spielt Mark Hamill, der ewige Luke Skywalker aus den Star Wars-Filmen, den gütigen Grossvater Albie Krantz, eine Rolle, in der man sich auch den alten Richard Attenborough hätte vorstellen können. Davor haben wir Karen Gillan und Chiwetel Ejiofor erlebt, als getrenntes Paar mit tragischer Geschichte, sie bis zur Erschöpfung im Spital arbeitend, er als Lehrer, der seine Schülerinnen und Schüler mit Gedichten von Walt Whitman verwirrt. Beide waren darstellerisch lange nicht mehr so eindringlich.

Mit Act III scheint die Welt zu enden. Teile Kaliforniens sind versunken, in Deutschland ist ein Vulkan ausgebrochen und überall erscheinen Plakate und TV-Spots, die sich bei einem Buchhalter bedanken: «Thanks, Chuck!». Die Menschen sind verwirrt, verängstigt, aber gerade darum auch offener und gütiger.

Das ist doch eher überraschend, dass ausgerechnet aus einer Vorlage von Horrorkönig Stephen King ein lebensbejahender zeitgenössischer Nachfolger für Frank Capras It’s a Wonderful Life entstanden ist. King hat für seine Kurzgeschichte aber auch eine spezielle Vorlage gewählt: Der Satz «I contain multitudes» (in mir ist vieles) aus dem Gedicht «Song of Myself» von Walt Whitman taucht in Stephen Kings Werk immer wieder auf. In The Life of Chuck ist er zentral.

Mark Hamill in ‚The Life of Chuck‘ © dcm

Und ebenfalls zentral für den Film ist sein gezielt verwirrender, chronologisch umgedrehter Aufbau: Der erste Teil ist Act III, der letzte Teil des Films, der Schlüssel zu all der vorangegangenen wunderbaren Verwirrung, ist dann Act I.

Mehr zu verraten wäre kontraproduktiv, was nicht heisst, dass wir nicht auf ein paar besonders wundervolle Szenen verweisen dürfen. Da wäre etwa der meist überaus charmante Tom Hiddleston, der stets noch etwas charmanter wirkt, wenn er die Gelegenheit bekommt, zu tanzen. Hier ist seine Tanznummer gar das absolute Herz des Films.

Annalise Basso und Tom Hiddleston in ‚The Life of Chuck‘ © dcm

Oder das viktorianische Haus der Familie Krantz, mit dem stets abgeschlossenen Turmzimmer und seinem dann doch sehr Kingschen Geheimnis, der Schulball, der den Klischees folgt und sie dabei unterläuft – ein wenig so, wie der ganze Film, der nicht von ungefähr in diesen ressentimentgefüllten MAGA-Zeiten an einen ur-us-amerikanischen Optimismus der kollektiven Individualität erinnert.

The Life of Chuck hat so sehr das Zeug zum modernen Klassiker, dass man schon wieder misstrauisch werden könnte. Aber sicher nicht möchte. Ein am Ende überraschend einfacher, herzlicher Film, der aufblüht (und aufgeht) wie eine perfekt gebaute Kurzgeschichte. Oder ein Gedicht.

Im Kino ab 31. Juli 2025
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