
Die Schauspielerin Saadet Aksoy hat ein unendlich faszinierend schönes Gesicht, und blaue Augen, die einem stets, wie in Panik aufgerissen, direkt durch die Leinwand in die Seele starren. Das hilft dem neuen Film des türkisch-französischen Autorenregie-Duos Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti über seine ersten, etwas gemächlichen zwanzig Minuten hinweg. Mit Leichtigkeit.
Aksoy spielt Sabiha, die, mitten in der Scheidung und im Sorgerechtsstreit um ihren Sohn, in einem Telefonsex-Center am Stadtrand von Ankara arbeitet. Während sie in den Hörer stöhnt und dabei Notizen macht, um die Vorlieben ihrer Stammkunden nicht durcheinanderzubringen, sorgt sie sich andauernd darum, dass ihr Ex-Mann von dieser Arbeit erfahren und sie damit im Sorgerechtsprozess aushebeln könnte.

Gleichzeitig muss sie sich gegen die ungewollten Avancen des Chefs wehren, die ihr die anderen Frauen zu allem Überfluss auch noch übel nehmen.
Doch dann überschlagen sich die Ereignisse: Arzu, so nennt sich Sabiha bei der Arbeit, bekommt einen Anruf mitten aus einer fröhlich aggressiven Männerrunde heraus, bei dem sie ungewollt zu viel erfährt über die kriminellen Machenschaften des einen Mannes einerseits und der Undercover-Aktion eines Staatsanwalts und Politikers in Istanbul. Nach einem heftigen Erdbeben in Istanbul meldet sich über die gleiche Nummer ein männlicher Teenager der unter Trümmern begraben liegt und im Dunkeln in Panik auf die Wahlwiederholtaste gedrückt hat.
Wenn Sabiha Rettungskräfte zu dem Jungen schicken will, muss sie zuerst herausfinden, wo in Istanbul der genau verschüttet liegt. Und dann den zuständigen Staatsanwalt alarmieren, von dessen Machenschaften sie vorher unfreiwillig erfahren hat – und sich damit als unerwünschte Zeugin potentiell ins mörderische Kreuzfeuer bringen.

Das klingt nicht nur komplex, der Plot ist tatsächlich kunstvoll gebastelt und ins Korsett des Telefonkrimis gepresst worden. Unter anderem wohl darum spielt der Film auch nicht in der Gegenwart, sondern im Jahr 1999, als Festnetz und stationäre Telefonie noch problemlos als cinematische Spannungstreiber eingesetzt werden konnten. Unzählige Thriller haben das Konzept in allen möglichen Varianten durchgespielt, meist unter mehr oder weniger geglückter Umgehung der inhärenten Hörspielgefahr.
Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti machen daraus zunächst eine Art einführende Tugend. Der ganze Film spielt konsequent im Callcenter und aus der Perspektive von Sabiha, potentielle Action gibt es somit nur über die Telefondialoge und für die Ohren. Hat man das Prinzip und die Vorgänge erst einmal begriffen, lässt sich eine gewisse Publikumsungeduld nicht ganz vermeiden.

Aber genau da entfaltet die Methode des Duos seine Wirkung. Wie schon in ihrem 2018 am Filmfestival von Locarno gezeigten Rotkäppchen-und-der-Wolf-Thriller Sibel interessieren sich die beiden mehr für die gesellschaftliche Dynamik und Geschlechterrollen, die sich im Plotgewirr spiegeln lassen. Insbesondere die Benachteiligung der Frauen innerhalb der traditionellen (türkischen, aber nicht nur) Strukturen werden hier wie dort metaphorisch durchgespielt.
Sabiha, das potentielle Opfer, wird dank ihrer Fähigkeit zum aufmerksamen Zuhören, Kombinieren und kreativen Reagieren zu einer widerständigen Instanz. Sie spielt Gangster und Politiker gegeneinander aus, unterläuft die literarischen Manipulationen ihres Lieblingskunden und wirft auch schon mal eine utopisch-radikale Vorschlagsbombe in die Gemengelage: Wie wäre es, wenn er einfach verschwinden würde, fragt sie den Gangster-Poeten, mit dem zusätzlichen Hinweis, dass sie das nun wirklich nicht im übertragenen Sinne von «gewaltsam verschwinden lassen» verstanden haben wolle, sondern tatsächlich als Resultat einer kreativen Entscheidung.
Wenn Sie sich darunter noch nichts vorstellen können, dann schauen Sie sich einfach den Film an und freuen Sie sich auf die aller letzte Einstellung. Die ist in Sachen Direktheit und Klarheit nicht zu überbieten.
Im Kino ab 7. August 2025
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