ZIKADEN von Ina Weisse

Isabell (Nina Hoss) und Anja (Saskia Rosendahl) © dcm

Wenn man anfängt, Chaos zu organisieren, kann Kunst passieren. Im Falle von Ina Weisses drittem Langspielfilm ist es beeindruckende, aber auch etwas künstliche Kunst. Die sauber geplante Machart von Zikaden erinnert nicht von ungefähr an den Bauhaus-Stil, welcher die Architektur und die Einrichtung des Brandenburger Ferienhauses oder die Berliner Wohnung der Hauptfigur Isabell (Nina Hoss) prägen: Klare Linien, viel Leerraum, hochwertiges Handwerk.

Isabell ist die Tochter eines Architekten, das Familienferienhaus ist eines seiner Werke, aber nun ist der Vater nach einem Schlaganfall im Rollstuhl und Isabell vor allem damit beschäftigt, seine Pflege zu organisieren und ihre Mutter zu entlasten. Isabells zunehmende Überforderung bringt auch ihre Ehe mit Philippe (Vincent Macaigne) an den Rand des Abgrunds.

Die umgekehrte Spiegelfigur zu Isabell ist die junge, alleinerziehende Mutter Anja (Saskia Rosendahl), die im Nachbarhaus der Ferienwohnung mit ihrer kleinen Tochter bei ihren Pflegeeltern lebt. Während Isabell Mühe hat, den eigenen, vor allem aber auch den von den Eltern vorausgesetzten Ansprüchen gerecht zu werden, pocht Anja zwischen Jobverlust und Solo-Mutterschaft mit Entschlossenheit auf ihre Eigenständigkeit. Das plötzlichen Funken zwischen den beiden Frauen nach ihrer ersten Begegnung hat denn auch die Dynamik von zwei Magneten, die sich je nach Orientierung anziehen oder abstossen.

Isabell (Nina Hoss) © dcm

Nina Hoss und Saskia Rosendahl beleben die Spielanlage sehr überzeugend. Es ist offensichtlich, dass Autorin und Regisseurin Weisse ihre ganze Erfahrung als Schauspielerin mit eingebracht hat. Gleichzeitig sind auch ihre Anstrengungen, der filmischen Reissbrettarchitektur entgegenzuwirken recht offensichtlich.

Anja (Saskia Rosendahl) © dcm

So hat Weisse die Rollen von Isabells Eltern mit Laiendarstellern, nämlich ihren eigenen Eltern, Rolf und Inge, besetzt. Und jene des nie ganz im Familienkosmos angekommenen Ehemanns von Isabell mit dem dafür tatsächlich idealen Franzosen Vincent Macaigne, der den treuherzig-aufmüpfigen Underachiever-Softie in seiner Heimat längst zur Perfektion gespielt hat.

Isabell (Nina Hoss) und Philipp (Vincent Macaigne) © dcm

Während die Profi-Darsteller mit gescripteten Sätzen in die jeweiligen Szenen einstiegen, agierten die Laiendarsteller (insbesondere auch die Kinderdarsteller) impulsiv, was wiederum improvisierte Reaktionen der Profis auslöste.

Wahrscheinlich wirkt Zikaden je nach Publikum sehr unterschiedlich. Als männlicher Zuschauer fortgeschrittenen Alters fand ich Hoss und Rosendahl immer wieder überraschend, insbesondere die jüngere Frauenfigur ist gezielt enigmatisch gehalten, mit überzeugendem Trotz und Stolz. Die Familiendynamik dagegen, gerade innerhalb der Architektenfamilie, blieb für mein Empfinden mehr Diagramm als Dampfkessel.

Anjas Tochter Greta (Greta) © dcm

Aber auch innerhalb dieser Drehbuch-Leitlinien gibt es Momente, die hängen bleiben. Etwa wenn die jüngere Anja ihren leichtfüssigen Umgang mit der Pflege von Isabells Vater ihr gegenüber leichthin mit dem Satz erklärt: «Er ist ja nicht mein Vater». Oder im Hinblick auf den Grundkonflikt der Tochter, die Anja gegenüber einmal meint, sie könne sich die absolute Dominanz ihres Vaters über ihre Mutter nicht erklären, ohne sich der gleichen Dynamik in der Vater-Tochter-Beziehung bewusst zu werden.

Da kommt dann auch die Reissbrettkonstruktion des Films zu einer späten, stummen, impliziten Explosion.

Zikaden ist kein Film für die emotionale Ewigkeit, dafür ist die ganze Anlage zu raffiniert und zu offensichtlich zugleich. Aber dafür ist das ein Film mit Lehrbuchcharakter, perfekt geeignet für Drehbuchseminare, als Beispiel für erstklassiges Handwerk in jedem Departement, auch beim Schnitt (Hansjörg Weißbrich) und bei der Kameraführung (Judith Kaufmann), selbst beim geschmackvoll zurückhaltenden Score (Annette Focks) – aber auch eine Warnung vor zu viel Perfektion, zu vielen Drehbuchfassungen, zu viel Konzeptarbeit.

Am Ende spiegelt der ganze Film das Dilemma der perfektionistischen Tochter des Architekten, welche aus Angst vor den eigenen Ansprüchen auf ihre eigene Architektenlaufbahn verzichtet und stattdessen als Maklerin die grossartigen Häuser anderer an zahlungskräftige Klienten vermittelt, sauber, diskret und unter Umgehung des drohenden Chaos.

Derzeit Mittagskino, regulär ab 7. August 2025
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