UNE PART MANQUANTE von Guillaume Senez

Lily (Mei Cirne-Masuki) und ihr Vater Jay (Romain Duris) © cineworx

Jay (Romain Duris) fährt mit seinem Taxi durch Tokio und sucht seine Tochter Lily. Tag für Tag. Sie war drei Jahre alt, als ihre Mutter Keiko ihn verlassen und das Kind mitgenommen hat. In den neun Jahren seither hat er sie nie wieder gesehen. Japans Gesetz gibt das alleinige Sorgerecht dem Elternteil, bei dem das Kind sich während der Trennung befindet.

Die westliche Faszination mit der japanischen Kultur hat ein eigenes Kinogenre der Selbstfindung in der Fremde hervorgebracht, mit Sophia Coppolas Lost in Translation als Prototyp. Doris Dörrie hat das mit mindestens drei Filmen durchgespielt, Kirschblüten – Hamami (2008), Grüsse aus Fukushima (2016) oder Kirschblüten & Dämonen (2019). Wim Wenders hat seine Künstlerseele immer wieder nach Japan getragen, zuletzt ganz besonders schön mit Perfect Days (2023). Und Frankreichs Slony Sow hat ein Jahr davor mit Umami Gérard Depardieu als verlorenen Spitzenkoch zur Selbstfindung nach Japan geschickt.

Suchend im Tokio-Taxi: Jay (Romain Duris) © cineworx

Es ist wohl eher zufällig, dass nun auch der Belgier Guillaume Senez seinen japan-affinen Franzosen mit Romain Duris als Koch angelegt hat. Immerhin hat er damit einen plausiblen Grund für dessen langjährige Integration in Japan und seine kurze Ehe mit einer Japanerin. Und Romain Duris beeindruckt ab den ersten Szenen des Films mit überzeugenden Japanisch-Kenntnissen.

Überhaupt sind es die beiläufig eingestreuten Details, welche Une part manquante von den prototypischen westlichen Japan-Filmen abheben. Weil Jay schon so lange in Japan lebt, wird er zum idealen Fremdenführer, nicht nur für das Kinopublikum, sondern auch für die verzweifelte Jessica (Judith Chemla), die gerade das gleiche Trauma durchlebt, wie er neun Jahre früher: Ihr japanischer Mann hat sie verlassen und den gemeinsamen Sohn mitgenommen. Nun ist auch Jessica Teil der Selbsthilfe-Gruppe «ausgesperrter» Elternteile, zu denen sich bald auch ein japanischer Vater gesellt. Denn das Problem des automatisch einseitigen Sorgerechts ist nicht ausschliesslich eines für die Gaijin, die Nicht-Japaner.

Sie beginnt etwas zu ahnen: Lily (Mei Cirne-Masuki) im Taxi © cineworx

Guillaum Senez hat mit seinem Co-Autor Jean Denizot ein unaufdringlich raffiniertes Drehbuch geschrieben. Fast die ganze Vorgeschichte der Hauptfigur erschliesst sich nach und nach über Parallel-Szenen in der Gegenwart. Und gleichzeitig hilft der Umstand, dass Jay als Taxifahrer arbeitet, auch dabei, den Plot-Device eines anderen beliebten Kino-Genres zur vollen Blüte zu bringen, den Night on Earth-Effekt mit den vielen unterschiedlichen Passagieren und den Fahrten durch Tokio.

Taxifahrer unter sich: Jay (Romain Duris) und Honda (Toshihiro Yashiba) © cineworx

Letztlich verbindet Une part manquante eine ganze Reihe filmischer Elemente elegant und packend zu einem persönlichen Drama, das ebenfalls schon hundertfach durchgespielt wurde. Seit sich Meryl Streep und Dustin Hoffman vor bald fünfzig Jahren in Kramer vs Kramer um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn gestritten haben, hat sich das gesellschaftliche Verhältnis zu Trennung und Kindswohl verändert. Aber die Verlustängste bei Vätern und Müttern sind die gleichen geblieben.

Es sind die Sorgfalt im Detail und die emotionale Ehrlichkeit, welche diese neue Variation auf das bekannte Thema wirklich fesselnd machen. Und natürlich die japanspezifische Übersetzung all dessen, was das Drama ausmacht. Sozusagen «Refound in Translation».

Im Kino ab 14. August 2024
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