SORRY, BABY von Eva Victor

Agnes (Eva Victor) … und die Katze © filmcoopi

In den stärksten Momenten dieses starken Filmes ist nur ein Haus zu sehen, von der gegenüberliegenden Strassenseite aus, am Abend. Es wird langsam dunkel, im Haus gehen Lichter an, zwei Schnitte raffen ruhig die Zeit. Wir ahnen, was im Haus passiert. Bis schliesslich Agnes herauskommt, ihre Schuhe in der Hand, ohne die Tür hinter sich zu schliessen.

Sie setzt sich auf die kurze Holztreppe der Veranda und zieht die Schuhe an.

Sorry, Baby von Eva Victor ist ein Film über Missbrauch, vor allem aber ein Film über das Leben danach, über Freundschaft, Verstörung und Überwindung.

Eva Victor hat das Drehbuch geschrieben, Regie geführt und die Hauptrolle gespielt, die Literatur-Studentin Agnes, die mit ihrer Freundin Lydie (Naomie Ackie) in einem kleinen, freistehenden Haus etwas abseits vom Universitätsstädtchen in Massachusetts lebt. Agnes ist eine brillante Studentin, ihr Professor, Preston Decker (Louis Cancelmi), ist sichtlich begeistert von ihr und ihrer Abschlussarbeit.

Weil die Besprechung der Arbeit in seinem Büro durch einen Anruf unterbrochen wird, bittet er sie am Abend zu einem Besuch in seinem Haus. Diese Begegnung wird repräsentiert durch die Eingangs geschilderte Einstellung auf das Haus. Und später, indem die verstörte Agnes Lydie zu erzählen versucht, was genau im Haus passiert ist.

Agnes (Eva Victor) und Lydie (Naomi Ackie) © filmcoopi

Es gibt ein Vorher und ein Nachher in dieser Geschichte und darum auch im Film. Allerdings setzt der Film tief im Nachher an, als Lydie aus New York zu Besuch kommt, lange nach dem Ereignis, als Agnes im Lehrkörper bereits die Stelle Deckers (und sein Büro) bekommen hat.

Beeindruckend sind die Leichtigkeit und die Brillanz, mit der Eva Victor in dieser US-amerikanischen Independent-Produktion traditionelle Literatur und Kino zu einem emotional vollkommen abgerundeten Ganzen zusammenführt.

Das Haus von Agnes © filmcoopi

Wenn Agnes mit ihren Studentinnen und Studenten Nabokovs «Lolita» diskutiert, schwingt da ein seit siebzig Jahren andauernder literarisch-ethischer Diskurs mit. Und wenn Agnes vor Gericht versucht, so diskret und zugleich so eloquent wie möglich zu erklären, warum sie nicht geeignet sei, um für einen anstehenden Prozess als Jury-Mitglied zu fungieren, dann hallt da nicht nur das Echo unzähliger Prozessfilme und derer Plädoyer-Monologe nach, sondern zugleich auch der Proto- oder gar Archetyp des Genres, Twelve Angry Men.

Aber das alles trägt Sorry, Baby nicht als historisch-akademischen Ballast mit sich, sondern als mitunter ausgesprochen fröhliche Energie, gleichsam zur Bekräftigung dafür, dass Kunst im menschlichen Leben durchaus wirken kann. Zumindest in Kombination mit Freundschaft und gegenseitigem Verständnis.

Denn das ist die zentrale Kraft in diesem Film, die bedingungslose, vertraute und vertrauensvolle Freundschaft zwischen Agnes und Lydie.

«I’ve got a cat» sagt Agnes, als sie mit einer auf der Strasse aufgelesenen jungen Katze und den Einkäufen zu Lydie in die Küche tritt und das Tier demonstrativ-trotzig in die Höhe hält.

«Whatever you need…» ist Lydies bestimmte Antwort darauf.

Lydie (Naomi Ackie), Agnes (Eva Victor) © filmcoopi

Sorry, Baby ist eine Reihung brillanter, tonal durchaus unterschiedlicher Vignetten, die sich organisch zu einem beeindruckenden Kunstwerk verbinden. Die Szene, in der die Freundinnen gemeinsam nach dem Missbrauch beim untersuchenden Arzt in einer Art «good cop – bad cop» Sequenz das Vorgehen und die Haltung des Mannes sezieren, könnte als isolierter Kurzfilm bestehen.

Während die völlig absurde, satirisch überzeichnete Szene mit Agnes und den zwei Frauen der Universitäts-Administration, welche gleichzeitig erklären, dass die Universität keine Verantwortung trage, dass der Leitung die Hände gebunden seien und dass sie voll auf ihrer Seite seien – we are women! – als Sketch so auch in einer Folge von Saturday Night Live funktionieren würde.

Sorry, Baby ist hinreissend dank seiner Verbindung von absolutem (weiblichem) Selbstbewusstsein mit offener Verletzlichkeit, mithin von Liebe und Trotz, Wut und Verständnis, Humor und Trauer. Vielleicht lese ich dabei etwas zu viel demonstratives Verständnis in ein formales Detail. Aber es fällt doch auf, dass die weissen Kapitelzwischentitel mit ihrem distinktiven Font an jene in sämtlichen Woody-Allen-Filmen erinnern. Was als Hommage an den zur Persona-non-grata gewordenen Altmeister des lakonischen Humors durchaus zum Ton und zur Haltung des Film passen würde.

Ein Kapitelzwischentitel, der sehr an Woody Allen erinnert

Wie auch immer: Sorry, Baby ist ein überraschender Instant-Klassiker des US-Indie-Kinos und das Kinodebüt einer Künstlerin, von der wir hoffentlich noch viel mehr zu sehen bekommen werden.

Im Kino ab 14. August
Spielorte und -zeiten


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