
Als bei ihrer Nachbarin etwas verfrüht und daher überraschend die Fruchtblase platzt, erklärt sich Sandra (Valeria Bruni-Tedeschi) gezwungenermassen bereit, auf den kleinen Elliott aufzupassen, während sein Vater mit seiner Frau ins Spital fährt. Sandra betreibt einen feministischen Buchladen und nimmt Elliott schliesslich dahin mit, weil der übliche Babysitter nicht zu erreichen ist. Zum Glück kommt ihn dort ihre Schwester, eine begeisterte fünffache Mutter, bald darauf abholen.
Die ersten Szenen mit dem kleinen Elliott (César Botti) und Sandra in deren Wohnung sind hinreissend und auf eine gute Art irreführend. Sandras Verlegenheit, ihre Überzeugung, mit Kindern nichts anfangen zu können, werden von Elliotts kindlicher Direktheit herausgefordert. Der Kleine seinerseits scheint angetan von Sandras offensichtlichem Unwillen, ihn mit kindgerecht vagen Antworten abzuspeisen.
Und kaum macht man sich auf eine dieser Geschichten gefasst, in denen ein strahlendes Kind das verhärtete Herz eines erwachsenen Menschen knackt, steht der Nachbar wieder unter der Tür, allein und tränenüberströmt.
Carine Tardieu (Les jeunes amants mit Fanny Ardant, 2021) macht aus dem Buch «L’intimité» von Alice Ferney eine Art «Wahlverwandschaften», insofern ist der Filmtitel L’attachement durchaus programmatisch.
Wie die Filmemacherin in einem Interview sagt, war der Schlüssel zur Verfilmung die Konzentration auf die Figur der Sandra.
Das ist tatsächlich ein Glücksgriff für den Film. Denn einerseits ergibt die Perspektive dieser selbständigen, freien und gezielt ungebundenen Frau fast idealtypisch eine spannende Perspektive für das Kinopublikum, das ja seinerseits von jeder neuen Figur und jeder weiteren dramatischen Wendung neu herausgefordert wird.

Andererseits erweist sich Valeria Bruni-Tedeschi überraschend als Idealbesetzung für genau diese Rolle.
Die Schauspielerin und spätere Regisseurin hatte schon mit ihren ersten unverschämt charmant-naiven Auftritten ein fast rätselhaftes Charisma bewiesen und ihre ganze Karriere über hart daran gearbeitet, das Stigma der dilettierenden Tochter aus reichem Haus entweder loszuwerden, oder aber ironisch zu brechen, etwa mit ihrem Spielfilm Il est plus facile pour un chameau… (2003), oder dem ebenfalls autobiografische gefärbten Les Amandiers (2022) über ihre Erinnerungen an ihre Schauspielschule bei Patrice Chéreau.
Ihre Figuren wirkten oft verträumt und warmherzig, manchmal leidend, immer ein wenig entschuldigend, sich klein machend. Und von all dem ist ein Echo geblieben in dieser Sandra. Aber geprägt ist sie nun vor allem von einer energischen Klarsichtigkeit, einer intellektuellen Schärfe und einer klaren persönlichen Positionierung. So grenzt sich Sandra liebevoll ironisch von ihrer kinderverrückten Schwester ab, indem sie etwa behauptet, in deren Familie hätten nicht etwa die Kinder abgestillt werden müssen, sondern immer wieder die Mutter.
Und beide Schwestern werden in einer singulär komödiantischen Szene am Esstisch von ihrer energisch-warmherzigen Mutter (Marie-Christine Barrault) noch zusätzlich in ihren gegenseitigen Perspektiven hinterfragt.

Letztlich ist es der kleine Elliott, der diese Sandra zu einer Bezugsperson macht, zu einer Mutter wider Willen und ohne Verpflichtung, während sein (Stief-) Vater und sein leiblicher Vater sowie ein paar weitere männliche (darunter ein namenloser Donnerstagsliebhaber) und weibliche Figuren sie wie unwillkürlich und ungewollt angezogene Trabanten zusätzlich umkreisen.
Bruni-Tedeschi ist perfekt in dieser Rolle, sie ist im richtigen Alter und bringt neben der Souveränität auch die nötigen Unsicherheiten mit, um die Figur tatsächlich auch den immer wieder neu dramatischen Umständen des Films auszusetzen. Dass diese Sandra zudem den Namen Ferney trägt, wie die Autorin der Vorlage, ist nicht nur ein hübsches Signal, sondern auch Verweis auf ihre heimliche Souveränität in der Geschichte.
L’attachement erzählt filmisch im Hinblick auf Kameraführung, Schnitt und Ausstattung gezielt klar unauffällig, ist aber dafür willkürlich und geschickt in Kapitel gegliedert über die Altersmonate der kleinen Halbschwester von Elliott. Das kleine Mädchen wird mit dem Film älter und wacher, wie die anderen Figuren und wie wir, die Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich so viel Anhänglichkeit und Anziehungskraft schlicht nicht entziehen können.
Derzeit Mittagskino, regulär im Kino ab 21. August 2025
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