
Eine Warnung und eine Empfehlung: Sirāt ist kein Film, der glücklich macht. Sirāt ist aber auch kein Film wie irgendein anderer. Oliver Laxes radikal auf Wirkung getrimmter Bilder-, Plot- und Soundtrack folgt der viszeralen Urwucht der Techno-Tracks, welche seine Protagonisten in der Wüste suchen. Sirāt zielt direkt auf das Bauchfell. Und in die Magengrube.
Darum die Empfehlung: Schauen Sie sich das im Kino an, unter allen Umständen. Je grösser der Saal und die Leinwand, je besser die Soundanlage, desto besser. Und nehmen Sie jemanden mit, damit Sie mit dem Erlebnis danach nicht alleine auf der Strasse stehen.

Der Plot ist einfach. Sergi López spielt Luis, der mit seinem zwölfjährigen Sohn Esteban (Bruno Núñez Arjona) in einem dafür nicht wirklich geeigneten Auto den Fans und Anhängern grosser Open-Air-Techno-Parties in die marokkanische Wüste folgt, auf der Suche nach seiner Tochter, die an genau so einem Anlass verschwunden ist.
Luis und Esteban verteilen Flyer, zeigen den Leuten das Foto des Mädchens, fragen, wer sie gesehen haben könnte. Sie stossen auf viel Sympathie, aber auf keine konkrete Spur ausser dem Hinweis, dass es noch etliche solcher Anlässe gebe.
Luis ist entschlossen, sie alle zu besuchen und hängt sich mit Esteban an die wüstentauglich geländegängig ausgerüstete Karawane der Techno-Nomaden – allen Warnungen zum Trotz, dass sein Auto dafür nicht geeignet sei.
Was folgt, steht zwar in etlichen filmischen Traditionen, erinnert an die existenzialistische Leere von Antonionis Zabriskie Point und – mit der vom Leben gezeichneten und in der Wüste gegerbten Techno-Tribe-Aussteiger-Truppe – an Mad Max: Fury Road, ist aber weit radikaler, um nicht zu sagen nihilistisch, im Sinne von Shakespeares «Macbeth»:
Life’s but a walking shadow, a poor player
That struts and frets his hour upon the stage,
And then is heard no more. It is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing.
(Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild,
Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht
Sein Stündchen auf der Bühn und dann nicht mehr
Vernommen wird; ein Märchen ists, erzählt
Von einem Blödling, voller Klang und Wut,
Das nichts bedeutet.)
Sound ist da. Fury ist da. Kino, unbestreitbar. Und Sirāt, wörtlich.

Ich kann mich nur an einen Film erinnern, der mich ähnlich überwältigt und erledigt zurückgelassen hat: Irréversible von Gaspar Noé (Platz 65 in meiner Liste der 100 Besten vor acht Jahren).
Sirāt wirft alles auf die Leinwand (und von der Leinwand herunter), was das Kino an Entäusserung und Verinnerlichung hergibt. Das ist nicht erbaulich, aber unvergesslich, wuchtig.
Im Kino ab 28. August 2025
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