SOY NEVENKA von Icíar Bollaín

Ismael (Urko Olazabal), Nevenka (Mireia Oriol) © xenix

Wie kann frau nur so blöd sein, fragt man sich in den ersten zwanzig Minuten dieses Films. Denn das Drehbuch und die Inszenierung von Icíar Bollaín verteilen die «red flags» rund um die Figur des Lokalpolitikers Ismael (Urko Olazabal) hühnerhautdicht und gezielt auffällig. Zudem warnen Bekannte und Familie die junge Nevenka Fernández (Mireia Oriol) vor dem notorischen Frauenheld.

Und doch tritt die idealistische, brillante, attraktive Abgeordnete in jede Falle, welche von ihrem Chef für sie gelegt wird. Sie lässt sich in die Enge treiben, landet widerwillig mit ihm im Bett und schliesslich in einer toxischen Arbeits- und Beziehungs-Situation ohne Ausweg.

Unglaubwürdig? Absicht. Denn nicht nur Nevenka tritt in die Falle, sondern auch wir, die Kinozuschauerinnen. In die gezielt gelegte Falle der Inszenierung. Regisseurin Icíar Bollaín macht deutlich, welche Bewusstseinsprozesse in den letzten 25 Jahren wirksam wurden, was #MeToo seit 2017 in unseren Köpfen bewirkt hat. Und damit im Verlaufe des Films auch, was strukturell noch immer gleich geblieben ist.

Der Prozess: Nevenka (Mireia Oriol), Ismael (Urko Olazabal) © xenix

Das Leiden der realen Nevenka Fernández García begann, als die junge Ökonomin 1999 für die Volkspartei, den Partido Popular, in die Stadtregierung des spanischen Ponferrada gewählt wurde und das Finanzdepartement übernahm. Im September 2000 verfiel sie in eine Depression und im März 2001 verklagte sie in einem aufsehenerregenden Prozess den Bürgermeister Ismael Álvarez wegen sexueller Übergriffigkeit. Sie gewann den Prozess, fand aber in Spanien nie mehr eine Arbeitsstelle danach.

Am 5. Oktober 2017 erschien in der «New York Times» der Artikel von Jodi Kantor und Megan Twohey zu den Vorwürfen an den Filmproduzenten Harvey Weinstein, der in der Folge unter anderem die #MeToo-Bewegung auslöste. Und damit einen Bewusstmachungsprozess, dessen Tragweite der Film Soy Nevenka zuerst einmal rückgängig machen muss, um zu zeigen, wogegen Nevenka Fernández García 2001 tatsächlich anzutreten hatte.

Nevenka (Mireia Oriol) © xenix

Wohl darum manövriert Icíar Bollaín ihre Titelheldin zunächst wenig subtil und extrem absehbar in die Ausweglosigkeit. Mireia Oriol spielt Nevenka als ambitionierte, flirtende, idealistische Karrierefrau mit dem offensichtlichen Drang, zu gefallen und sich zu beweisen, mit einer Ausstrahlung, die überzeugt und rührt.

Im Gegenzug ist auch Urko Olazabal als leutseliger, charmanter und draufgängerischer Bürgermeister nachvollziehbar wirkungsvoll bis hin zu Ismaels Selbstentlarvung als psychopathischer Macho-Macker.

Icíar Bollaín unterlegt ihre Arbeit mit unübersehbaren didaktischen Absichten, Drehbuch und Film sind auf Wirkung getrimmt. Da hilft es auch, sich in Erinnerung zu rufen, dass der bisher internationalste Film der Regisseurin in Zusammenarbeit mit Paul Laverty, dem Drehbuchautor von Ken Loach, entstanden ist. Laverty ist mit Icíar Bollaín verheiratet und auch er versteht Film als Instrument politischer und sozialer Aufklärung. Gemeinsam stellten die beiden 2016 El Olivo (Der Olivenbaum) auf die Beine, einen hyperdidaktischen Europudding als Familientragikomödie ökonomisch-ökologischer Verflechtungen zwischen Deutschland und Spanien.

Nevenka (Mireia Oriol) und ihr Anwalt (Font García) © xenix

Auch Soy Nevenka erinnert in seiner strukturellen Gnadenlosigkeit bisweilen mehr an einen genregerechten Horrorfilm inklusive «Final Girl» als an das Psychodrama rund um Abhängigkeit und Manipulation, das er eigentlich sein will. Dagegen ist nicht viel einzuwenden, es gibt genügend überzeugende und wirkungsvolle Momente, um genau jene Überlegungen anzustossen, die weiterhin nötig sind im Umgang mit strukturellem und individuellem Sexismus.

Aber es ist zumindest ein klein wenig schizophren, wenn ein Film, der die subtil-gewalttätige psychologische Manipulation einer jungen Frau anprangert, methodisch vergleichbar manipulativ vorgeht.

Schizophren. Aber wirkungsvoll.

Im Kino ab 28. August 2025
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