
Oma Michelle hat mit ihrer Freundin im Wald Pilze gesammelt. Die gibt es zum Abendessen, als ihre Tochter mit dem Enkel zu Besuch kommt. Der Enkel mag allerdings keine Pilze. Und Michelle isst keine, weil ihr die aggressive Stimmung ihrer Tochter den Appetit verdorben hat. Darum ist Tochter Valérie dann auch überzeugt, dass die Mutter ihre Pilzvergiftung gezielt geplant hat. Sicher genug jedenfalls, um mit dem Enkel gleich wieder nach Paris zurückzufahren und ihrer Mutter jeden weiteren Kontakt mit dem Jungen zu verbieten.
Einmal mehr spielt Regisseur François Ozon mit Gewissheiten auf allen Ebenen. Michelle (Hélène Vincent) ist erschüttert über die Vorwürfe ihrer Tochter, und am Boden zerstört über die Vorstellung, den kleinen Lucas nicht wiedersehen zu können. Aber es lässt sich nicht ausschliessen, dass sie den zuvor aussortierten giftigen Pilz doch ins Ragout geschnitten hat.
Und das ist auch nicht die letzte Vermutung in diesem Film, die sich so oder anders wird drehen lassen im Verlauf der Handlung.

Ozon greift zwar regelmässig auf externe Vorlagen zurück für seine Filme, er schreibt seine Geschichten und Drehbücher aber auch gerne von Grund auf selbst, wenn ihn eine Konstellation oder ein Thema reizt.
Für Quand vient l’automne nennt er gleich eine ganze Reihe von Ausgangspunkten. Zum einen sei die Geschichte mit den Pilzen einer besonders liebenswürdigen Tante von ihm bei einem Familienessen passiert, als er selbst in einem Alter war, in dem er möglicherweise tatsächlich die Familie ins Grab gewünscht hatte. Zum zweiten finde er es erschreckend, wie selten alte Menschen im Kino in zentralen Rollen zu sehen seien.
Und schliesslich habe es ihn nach seinem letzten Film, der Krimikomödie Mon crime gereizt, die dort zentrale Freundschaft und Komplizität zweier Frauen in einer weiteren Konstellation spielen zu lassen.

Insofern ist Quand vient l’automne in mancher Hinsicht ein Spiegelstück zu Mon crime, der auf einem Boulevardtheaterstück basierte. Hier nun stellt Ozon die Freundschaft von zwei alten Damen in einem Dorf im Burgund ins Zentrum, mit viel Realismus und Blick für die Details.
Hélène Vincent spielt die verträumt selbständige Oma Michelle Giraud, die grossartige Josiane Balasko ihre etwas resolutere Freundin Marie-Claude Perrin.
Der Film setzt damit ein, dass Michelle ihre Freundin zum Gefängnis fährt. Marie-Claude besucht da ihren Sohn Vincent (Pierre Lottin), der für eine nicht weiter erläuterte connerie Zeit absitzen muss. Beide Frauen haben es offensichtlich nicht leicht mit ihren erwachsenen Kindern.

Quand vient l’automne dreht sich um mögliche und tatsächliche Schuld, um Vorwürfe und diffuse Spannungen. Die Tochter hält die Vergangenheit ihrer Mutter für die Wurzel allen Übels. Marie-Claude ist überzeugt, sie und ihre Freundin hätten als Mütter versagt. Und schliesslich kommt noch die Polizei ins Spiel, verkörpert von der stets hinreissenden Sophie Guillemin, die mit ihrer verständnisvollen Hartnäckigkeit nicht von ungefähr an Simenons Kommissar Maigret erinnert.
Womit wir beim eigentlichen Herzen von Ozons jüngstem Film angelangt wären: Dem tiefen Verständnis für menschliche Unzulänglichkeiten.
«L’important est qu’il veut le bien!» sagt Michelle über Marie-Claudes Sohn, während Marie-Claude bemerkt, Michelles Tochter Valérie (Ludivine Sagnier, 22 Jahre nachdem sie in Ozons Swimming Pool Charlotte Rampling verwirrte) hätte ja von jeher an allem Anstoss genommen, was sie getan habe.
Je weniger man den einzelnen Figuren ganz trauen kann, je mehr man ihnen trotzdem die Daumen drückt, umso genussvoller werden die 104 Minuten im Kino. Denn Ozon schafft einmal mehr die Verbindung von psychologischem Realismus mit präziser Milieuzeichnung, ein kleines filmisches Universum, in das man gerne eintaucht.
Der 57jährige Ozon hat den scharfen Blick von Claude Chabrol, die feine Sentimentalität von Claude Sautet, das Schuldverständnis eines abgeklärten Katholiken und die handwerkliche Meisterschaft der grossen französischen Kinotraditionen. Und er setzt das alles ein, quer über die Genres hinweg, von Film zu Film mit neuer Verve und verblüffender Sicherheit.
Im Kino ab 4. September 2025
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