
Diese Frau ist ihr eigener Film. Ein kämpfendes Drehbuch auf der Suche nach einem Spiegel.
«Ich bin kein Fall!» Sozialfall zu sein, finanzielle Hilfe vom Staat anzunehmen, das kommt für Nathalie nicht in Frage. Genauso wenig wie ein langweiliger Job an einer Ladenkasse: «Ich bin stark. Ich tues Läbe no läbe. Ich probieres.»
Ein Berg von Schulden, allein mit zwei erwachsenen Kindern, mit der Tochter, die im Film nicht auftaucht, und mit dem Sohn, der so charmant und bereitwillig überall mithilft, dass man sich kaum vorstellen kann, dass Nathalie wegen ihm und seinen Schwierigkeiten den Wohnort gewechselt hat.
Bald nach den ersten Filmminuten stellt sich das Gefühl ein: Dokumentarfilmerin Tamara Milošević musste bloss noch die richtigen Bilder finden, um Nathalies klar umrissene Situationsanalysen zu illustrieren. Was natürlich Quatsch ist.

Dokumentieren heisst hier hinschauen, wahrnehmen, festhalten. Und dabei versuchen, Antworten zu finden auf die richtigen, die unausgesprochenen Fragen.
Nathalie Allouche-Ludwig ist selbständige Putzfrau, Pflegerin, Helferin. Sie schneidet Hecken, sie schneidet Zehennägel, sie bringt komplett versiffte Wohnungen mit Energie, Javelwasser und Dampfreiniger zum Glänzen. Und sie betont immer wieder, dass man sich selbst helfen müsse, dass niemand für einen aufkomme. Dass sie stark sei. Dass sie auch stark war, als sie aus dem Frauenhaus kam, den ganzen Tag arbeitete und sich am Abend um die Kinder kümmerte, die nach dem Mittagsschlaf in der KiTa eben nicht müde waren, sondern quicklebendig.
Dass sie dann an diesen Abenden keine Zeit mehr hatte, sich um Rechnungen zu kümmern.

Jetzt ist sie 56 Jahre alt und hat 200’000 Franken Schulden. Ein schmerzendes Knie. Einen gebrochenen Finger. Gerade wieder mal den wichtigsten Auftraggeber verloren. Und eine ruppige, hilfsbereite Liebenswürdigkeit im Umgang mit anderen Menschen.
Tamara Milošević folgt dieser kämpfenden Frau und ihrer Selbstinszenierung bereitwillig, lässt sie reden, in arrangierten Szenen, in ihrem Alltag. Oder auch direkt vor der Kamera, ohne als Zuhörerin ins Bild zu kommen.
So lange, bis sich aus den Beobachtungen und Nathalies Eigenbild ein neuer, hybrider Eindruck ergibt. Ein klareres Bild, eine offerierte Einschätzung, welche das rigoros energische Selbstbild von Nathalie nicht unterläuft, sondern dynamisch ergänzt. Die Filmerei wird Teil des Lebensprozesses.

Nathalies Drehbuch hat seinen Spiegel gefunden. Und, hoffentlich, den Weg durch den Spiegel hindurch.
Bisweilen erinnert dieser kurze, täuschend einfache und direkte Dokumentarfilm an eine andere kürzlich entstandene Schweizer Doku: Naima von Anna Thommen, das Porträt einer Migrantin, die in Basel um ihre Kinder und ihre Ausbildung zur Pflegefachfrau kämpft. Und da werden die Dinge kurz verwirrend. Denn Naïma heisst auch Tamara Miloševićs Dokumentarfilm von 2019, die Geschichte einer Muslima, welche in Biel gegen die religiöse Radikalisierung von Jugendlichen ankämpft.
Im Spielfilm und in den Serien ist die «starke Frau» mittlerweile zu einem Klischee geworden, zu einem leeren Label, von dem sich manche Schauspielerin schon beim Lesen des Drehbuchs schaudernd abwendet.
Nathalie von Tamara Milošević ist da ein gutes Gegengift. Ein präziser, unprätentiöser Dokumentarfilm über eine echte starke Frau.
Im Kino ab 4. September 2025
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