
Der Wind ist schon da, aber erst als sanfter Hauch. Er bewegt fast unmerklich die Haare und die Wimpern von Alyssa. Die Neunzenhnjährige sitzt auf dem Geländer eines städtischen Viaduktes in Tunis, ihre Beine hängen bedrohlich über dem Verkehr, ihr Blick verliert sich in der Ferne. Ihre Hände in Grossaufnahme lockern den Griff.
Vier harte Schnitte in zwölf Sekunden. Auf der Tonspur wird ihr Name gerufen: «Alyssa!» Sie schaut nach links, Reissschwenk zu Mehdi, der leicht entnervt fragt, worauf sie warte, Reisschwenk zurück zu Alyssa, sie hüpft aufs Trottoir, ein Lächeln lässt ihr Gesicht aufleuchten. Sie hebt ihren Rucksack hoch und die Kamera folgt ihr mit einem nun ruhigen Schwenk zurück nach links, während sie zu Mehdi hinrennt.
Es kommt nicht mehr so oft vor, dass ein Spielfilm sich dermassen schnell, gezielt und vor allem auffällig zum gestalteten Bild und dem gesteuerten Blick bekennt. Regisseurin Amel Guellaty etabliert gekonnt eine Erzählsituation, verspricht uns die Geschichte von Alyssa und Mehdi und versichert uns immer wieder mit auffälliger Gestaltung der Bilder und Szenen, dass sie uns mitnimmt zu den Abenteuern dieser zwei jungen Menschen in Tunesien.

Alyssa und Mehdi sind wie Geschwister, Nachbarskinder von klein auf, vertraut und eingespielt. Mehdi zeichnet und malt, träumt von einer Karriere als Künstler und leidet darunter, dass ihn seine Eltern aufgrund der grassierenden Jugendarbeitslosigkeit zunehmend als Versager betrachten.
Alyssa erstickt fast an der Verantwortung für ihre depressive Mutter und die jüngere Schwester, seit der Vater gestorben ist und seine Schreinerei brach liegt. Als sie von einem Künstlerstipendium erfährt, das in Djerba vergeben werden soll, steht ihr Plan fest: Mehdi soll da hin, das Stipendium gewinnen, Alyssa heiraten und sie mitnehmen nach Deutschland.
Was folgt, ist ein Roadmovie, ein Schelmenroman, eine Pippi-Langstrumpf-Geschichte mit Realitätseinbrüchen.

Alyssa ist die Draufgängerin, die Kämpferin, der wirbelige Motor. Um mit Mehdi rechtzeitig trotz Geldmangel nach Djerba zu gelangen, schreckt sie nicht davor, dem lokalen Gangster, der ein Auge auf sie geworfen hat, das Auto zu klauen. An der Tankstelle täuscht sie eine Ohnmacht vor, nachdem sie Mehdi eine Tasche mit geklautem Proviant in die Hand gedrückt hat, mit der Aufforderung, im Auto auf sie zu warten.
Alyssa bringt sich und den bedächtigen, vernünftigen, realistischen Mehdi in immer neue Schwierigkeiten; sie löst jedes Problem mit der Erschaffung eines weiteren.
Vom Achtzigerjahre-Hollywood-Kinotopos der wilden jungen Frau, welche den lahmen jungen Mann ins Leben katapultiert (Something Wild mit Melanie Griffith, Into the Night mit Michelle Pfeiffer oder After Hours mit Rosanna Arquette) übernimmt Amel Guelletay allerdings nur die Mechanik, unter Verzicht auf die sexistische Projektion. Genau so, wie sie die Pippi-Langstrumpf-Furchtlosigkeit ihrer Heldin klar ihrer Verzweiflung, ihrem Mut und vor allem ihrem Wunsch-Selbstbild zuschreibt, bis hin zur erwartbaren, aber einigermassen konsequent gegen den Grundton des Films inszenierten Katastrophe.

Mit Where the Wind Comes From hat Amel Guellaty bittersüsses, meist realistisches, immer packendes und bisweilen tonal wild bockendes Erzählkino geschaffen, eine Momentaufnahme aus Tunesien, lange nachdem sich die Hoffnungen des arabischen Frühlings zerschlagen haben.
Die gestalterische Originalität, mit märchenhaft visionären Elementen, perspektivendrehenden Aufsichten, Travellings, natürlichem Splitscreen und einer durchgehend stringenten Farbdramaturgie helfen dabei, den Kontrast zwischen Hoffnung und Realität der beiden jugendlichen Helden und damit die Fallhöhe zwischen Ungestüm und Absturz (meistens) in den Griff zu bekommen.
Interview mit der Regisseurin im Magazin des trigon-Verleihs.
Im Kino ab 4. September 2025
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