
«Aber ich bin doch Alma!» sagt das kleine Mädchen empört, als ihre Schwester Lia sagt, das tote Mädchen auf dem alten Foto mit der Mutter sei Alma. «Sie sieht aus wie du. Vielleicht ist ja ihr Geist in dich übergegangen», meint die Schwester. «Ja, vielleicht bist du ja gar nicht du, sondern sie», sagt eine andere der Schwestern. «Ich glaube, sie schläft bloss. Sie sieht gar nicht so aus, als ob sie tot wäre», erklärt darauf Alma.
Später im Film entsteht eine weitere solche Fotografie. Jetzt ist es Almas ältere Schwester, die, auf dem Sofa sitzend, mit den Eltern abgelichtet wird. Lia hat sich umgebracht, aber das soll man im Bild nicht sehen.
Der Film spielt über vier verschränkte Zeiträume hinweg im gleichen Gehöft in der Altmark. Vier Mädchen oder junge Frauen sind es, welche ihre jeweilige Umgebung und Familie erleben, mit Glück und Elend, Tod und Arbeit. Alma in den 1910er-Jahren, in den 40ern Erika, in den 1980ern Angelika und in den 2020ern Nelly.
In die Sonne schauen ist ein Film über Erinnerungen, eigene, fremde, vergangene, zukünftige, angeeignete, aufgezwungene. Und damit sind nicht einfach Bilder für die Augen gemeint. Mascha Schilinski erzeugt körperliche Erinnerungen, überlagert sie, lässt sie auf- und abtauchen. Déjà-vu als umfassendes, traumsicheres Konzept.

So wie die fotografische Rekonstruktion der Familie mit einer Toten im Bild beim Betrachten Lebensumstände und Tragödien heraufbeschwört, durchdringen sich die Leben der Mädchen, Kinder, Männer und Frauen über diesen Zeitraum von mehr als hundert Jahren hinweg.
Um zu verhindern, dass er eingezogen wird, verursachen die Eltern den Unfall ihres Sohnes, mit gebrochenem Bein liegt er am Scheunenboden. Wie Jahrzehnte später der traumatisierte Fritz ohne sein im Krieg verlorenes Bein im Bett. Die Weltkriege wirken auf die Lebensgemeinschaften auf dem Hof damit so indirekt ein, wie das Foto auf Alma, wie der ganze Film auf uns. Déjà-vu als Vertrautheits- und Schreckensmoment.

In Rilkes Duineser Elegien gibt es das Bild von den Vätern, «die wie Trümmer Gebirgs uns im Grunde beruhn», die ungeheure, nie ganz zu fassende kollektive Erinnerung.
Mascha Schilinski sucht und findet mit In die Sonne schauen solche Trümmer, nicht nur der Väter und der Mütter, sondern auch jene noch kaum je erfassten all der namenlosen Frauen und Mädchen, jene der Mägde, die zum gefahrlosen «Gebrauch» durch die Knechte unfruchtbar gemacht wurden, jene der Frauen, die sich bei Anrücken der russischen Truppen lieber kollektiv im Fluss ertränkten, als vergewaltigt zu werden.
Aber auch die kleinen, ganz persönlichen Erinnerungstrümmer wie den der präpubertären Lenka, die sich an den Blick des Freundes ihrer Eltern erinnert, als sie beim Planschen im Garten mit den kleineren Kindern in der Hitze das T-Shirt auszog:
«Ich weiss, dass der gemerkt hat, dass ich seinen Blick gesehen hab. Ich spüre noch, wie ich rot geworden bin und am liebsten meine Arme vor mir verschränkt hätte. Aber das wäre zu auffällig gewesen. Beim so tun, als ob ich den Blick nicht bemerkt hätte, war es, als ob ich mit ihm ein Geheimnis teile, das ich gar nicht teilen möchte».

In die Sonne schauen teilt Geheimnisse, weil Mascha Schilinski ihnen mit uns zusammen auf die Spur kommt. Darum war beim Schreiben des Drehbuchs die Idee einer durchgehenden Erzählung bloss hinderlich, wie sie in einem Interview einleuchtend erklärt:
Bei der Drehbuchentwicklung war es quasi unmöglich, eine Handlung zu konstruieren. Wann immer wir den Versuch gemacht haben, etwas wie einen Plot zu definieren, war es, als hätte sich der Stoff dagegen zur Wehr gesetzt. Ich hatte viele Bilder im Kopf, ein exaktes Gefühl für bestimmte Atmosphären, die ich einfangen wollte. Irgendwann haben wir angefangen, diese aufsteigenden Bilder aufzuschreiben und sie ähnlich wie bei einem Montageprozess aneinander zu verknüpfen. Das hat sich richtig angefühlt. Aber es war für Louise [Louise Peter, die Koautorin] und mich immer wieder herausfordernd, dem Prozess zu vertrauen. Irgendwann passierte dann etwas Wunderbares: Wir haben eine Regel für das Schreiben aufgestellt und beschlossen, das Gegenteil von „Kill your Darlings“ zu machen. „Darlings only“. Keine dramaturgischen Helferszenen! Nur Szenen, die wir wirklich sehen wollten. Das war befreiend.
Der Sog dieser Idee hat sich in den Film eingeschrieben. In die Sonne schauen folgt einer Traumlogik der Szenen und Bilder, assoziativ und spiegelnd, störrisch, erschreckend und oft sehr düster. Aber gerade darum zwingend und packend über zweieinhalb Stunden hinweg.
Der Film mag Erinnerungen an andere auslösen, bei mir tauchen da Michael Hanekes Das weisse Band auf (der tatsächlich fast gegenteilig funktioniert), oder Andrei Tarkovskis Stalker. Aber nicht, weil Mascha Schilinski auf solche Vorbilder aufbauen würde, sondern eher darum, weil sie statt auf lineare erzählerische Logik auf die Überraschung des Nachfühlens, Mitfühlens, Erlebens zählt.
In die Sonne schauen ist ein Kinoerlebnis, das sich, seinem Titel wie einem gefährlichen Lockruf folgend, in Augen und Herz einbrennt, weil es eh schon da ist, «uns im Grunde beruht».
Im Kino ab 11. September 2025
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