EL JOCKEY von Luis Ortega

Abril (Úrsula Corberó), Remo Manfredini (Nahuel Pérez Biscayart) © amf

Der Film fängt an wie eines der frühen Gangster-Stücke von Guy Ritchie. Kommen ein paar harte Typen in eine Bar… Sie suchen Remo Manfredini, den Star-Jockey von Boss Sirena. Manfredini hängt, komplett verladen, in voller Jockey-Montur an der Jukebox. Und die Frau, die meint, sie sollen ihn doch in Ruhe lassen, bekommt gleich mal eine Reitpeitsche ins Gesicht geschlagen.

Die überstilisierten Einstellungen von Aki Kaurismäkis Kameramann Timo Salminen wecken gezielt Erwartungen, die der Film gleich wieder unterläuft, so wie es auch der titelgebende Jockey mit den an ihn gerichteten Erwartungen tut.

Remo (Nahuel Pérez Biscayart) kippt eine Ampulle Pferde-Doping mit einem Glas Whiskey und einer Zigarette, bevor er am Rennstart zum Konkurrenz-Jockey neben sich schaut. Das ist Abril (Úrsula Corberó), seine grosse Liebe, die ihm lächelnd einen Kussmund schenkt und mit den anderen losprescht. Während Remo mit einer Art Purzelbaum vom losgallopierenden Pferd stürzt und im Sägemehl der Startbox liegen bleibt.

Remo Manfredini (Nahuel Pérez Biscayart), Abril (Úrsula Corberó) © amf

Was nun folgt, ist ein Film, der mit irritierender Insistenz andauernd an andere Filme erinnert. Da finden sich Zentralperspektiven wie bei Wes Anderson, seltsam androgyne Metamorphosen wie bei David Lynch, übersteigerte Genre-Anklänge (insofern tatsächlich mehr Guy Ritchie als Coen Bros), stilisiert packende Tanznummern und zunehmend queere Metaphern, die auch Almodóvar beschwören.

Nun spricht es in der Regel eher gegen die beschreibenden Fähigkeiten der Rezensenten als gegen die beschriebenen Filme, wenn wir diese billigen Vergleiche bemühen. Schliesslich ist die Methode ja längst auch bei den Filmverkäufern angekommen, die einem ohne mit der Wimper zu zucken Unsinn wie «Finding Nemo meets Twin Peaks» anzudrehen versuchen, oder – ein echtes Beispiel aus jüngerer Zeit – «The Wolf Of Wall Street meets Catch Me If You Can».

Remo/Dolores (Nahuel Pérez Biscayart), Abril (Úrsula Corberó) © amf

Aber El jockey – internationaler Titel Kill the Jockey – bemüht die stilistische Vielfalt und die assoziative Verwandtschaft tatsächlich mit methodischer Mimikry. Denn die Figuren des Films, vor allem der zentrale Jockey, sind tatsächlich so unterwegs, zwischen Eigenbild und Fremderwartung.

«Was muss ich tun, damit Du mich weiterhin liebst?», fragt der völlig erledigte Remo seine Abril im Bett.

«Du musst sterben und wiedergeboren werden» ist ihre Antwort.

Und den Rat befolgt Remo denn auch unverzüglich. Beim nächsten Rennen zieht er im Hippodrom von Buenos Aires auf dem neuen, von Boss Sirena in Japan eingekauften Rennpferd mit dem sprechenden Namen Mishima an allen vorbei, aus der Kurve hinaus, direkt ins Absperrgitter und landet im Spital.

Das Spital verlässt er heimlich, in einem Nerzmantel, mit Handtasche und einem turbanähnlichen Verband um den Kopf, auf der Suche nach Erlösung und Ablösung vom alten Leben. Er, der vor jedem Rennen stets präzise 54 Kilogramm auf die Waage brachte, stellt nun fest, dass sein Gewicht null Gramm beträgt. Er wird gesucht und gejagt, erschiesst seine Peiniger, landet im Gefängnis und wird da wieder zur rasenden Reiterin Dolores, die er wohl schon einmal war. Und schliesslich zu seiner eigenen Tochter.

Remo/Dolores (Nahuel Pérez Biscayart) © amf

El jockey war Argentiniens Kandidat für die letzten Oscars, aber die metaphorisch überdrehte, erotisch-ironische Liebeserklärung an die Beständigkeit des Wandels und die transformative Kraft des scheherazademässig-unendlichen Erzählstroms dürfte nicht nur für die zuständigen Gremien eine gewisse Überforderung bedeutet haben. Das ist ein Film, der genau so leicht ermüden wie begeistern kann, zumal er nicht nur ästhetisch sondern auch metaphorisch an einen schnippisch überfüllten Trödelladen erinnert.

Das perfekte Bild dafür steuert der Film übrigens auch gleich selbst bei: Als bei Remos/Dolores’ Gefängniseintritt der zuständige Wärter den inhalt seiner/ihrer Handtasche für die Effekten-Verwahrung auf den Tisch schüttet, fällt da neben der kleinen Pistole, dem Schminkzeug und allerlei zu erwartendem Zeug auch ein lebendiger Goldfisch zappelnd auf den Tisch.

Im Kino ab 18. September 2025
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