FITTING IN von Fabienne Steiner

Farbenderby in Stellenbosch © Royal film

«Sechzig Jahre alte Traditionen lassen sich nicht einfach innerhalb eines Jahrgangs verändern.» Das sagt einer der Erstsemestrigen im Studentenwohnheim «Eendrag» der Universität von Stellenbosch in Südafrika. Dabei hat sich das Empfangskomitee aus gewählten älteren Kommilitonen schon am ersten Tag bemüht, den Neuankömmlingen zu zeigen, dass sie an dieser Elite-Universität nicht einfach in starre Konventionen gezwungen werden würden.

Sechzig Jahre alte Traditionen? Das klingt erst einmal nach lächerlich wenig für jemanden, der sich, zum Beispiel, mit den jahrhundertealten Gepflogenheiten der Universität Basel (gegründet 1460) konfrontiert sah, mit Traditionen wie dem dies academicus, oder den teilweise skurrilen, zum Teil aber auch absurd antiquierten Ritualen der Basler Studentenverbindungen.

Und schon sitzen wir in der eurozentrierten Falle, die uns der klarsichtige, neugierige und auf positive Offenheit pochende Film von Fabienne Steiner nicht einmal stellen muss. Denn die tatsächlich radikalen Veränderungen in Stellenbosch zeigen sich in den packenden 84 Minuten immer wieder ganz beiläufig. Schliesslich liegt das offizielle Ende der Apartheid in Südafrika erst dreissig Jahre zurück. Und die Universität von Stellenbosch gilt manchen noch immer als der Ort, an dem das menschenverachtende, rassistische sozio-ökonomische System überhaupt erst erfunden wurde.

Jarren, der Skeptiker © Royal Film

Das zeigt sich an vielen Kleinigkeiten, welche insbesondere die PoC-Studenten unter den von Fabienne Steiner gefilmten Neuankömmlingen hervorheben. Etwa am Motto des Männerwohnheims Eendrag (= Zusammenhalt), das bei der Ankunft der Neuen gross im traditionellen Afrikaans und in englischer Übersetzung an der Fassade prangt: KARAKTER – STYL – TROTS / CHARACTER – STYLE – PRIDE. Viele der im Film gezeigten Diskussionen unter den Studenten drehen sich darum, die immer wieder betonte «diversity» auch im Hinblick auf die sprachliche Vielfalt umzusetzen. Am Ende des Films steht an der gleichen Fassade denn auch tatsächlich das Motto auch auf Xhosa: ISIMILO – ISIMBO – IBONGO.

© Royal Film

Oder bei einem Jahrgangs-Treffen von Alumni, also früheren Stellenbosch-Studenten, einer grossen Gruppe von ausschliesslich weissen älteren Männern, die von den aktuellen Kommilitonen freundlich empfangen werden.

Kamerafrau und Dokumentarfilmerin Fabienne Steiner wurde 1984 in Südafrika geboren, als Dreizehnjährige kam sie in die Schweiz. Fitting In hat sie im Master-Programm der ZHdK entwickelt, seine Weltpremiere hatte der Dokumentarfilm im April dieses Jahres an den Visions du réel in Nyon.

Steiner hat ihre Protagonisten über ein Jahr hinweg immer wieder gefilmt. Fitting In beginnt mit den ersten Telefonaten der Delegierten des Empfangskommittees, zeigt das Eintreffen der Neuen, die Begrüssungszeremonie mit Ansprachen, Versprechen und Hinweisen, und diverse Massenrituale (die unsereins wenn überhaupt eher aus us-amerikanischen College-Filmen kennt).

‚Fitting In‘ © Royal Film

Diese Szenen, die mit der gut kommunizierten Begeisterungsfähigkeit und den Zusammenhalts-Ritualen durchaus mitreissend wirken, werden konterkariert durch nachdenkliche, oft überraschend klarsichtigen und von analytischer Schärfe zeugenden Gesprächen zwischen einzelnen Studenten.

Dass kaum Frauen vorkommen in dem Film liegt übrigens nicht an einer Geschlechtertrennung der Universität, sondern einfach daran, dass sich Fabienne Steiner auf dieses eine, ausschliesslich von männlichen Studenten belegte Wohnheim konzentriert. Dafür zeigt sich die stets beschworene Diversity dann auch tatsächlich nicht nur im Hinblick auf Herkunft und Hautfarbe. Unter den Bewohnern sind etliche sehr selbstbewusste und ausdrucksstarke queere Bipocs.

© Royal Film

In einem Punkt treffen sich die Begrüssungsansprachen der «Alten» an die Neuen dann aber auch mit den Erfahrungen, welche alle Anfänger in der akademischen Welt machen und gemacht haben: Plötzlich besteht die ganze Umgebung aus intellektuell und bildungsmässig überdurchschnittlich begabten und privilegierten Menschen, was dem einen oder anderen Ego schon ungewohnt zusetzen mag.

Fitting In ist ein dokumentarischer Glücksfall, ein Film, der spezifische lokale Geschichte und Verhältnisse spiegelt und zugleich universell funktioniert. Wir sind alle irgendwie gleich und irgendwie anders. Und wir alle haben die Tendenz «unter uns» zu bleiben, weil es bequemer wirkt, sicherer und weniger riskant. Dass aber gerade eine Universität vom Prinzip her das pure Gegenteil dieses Komfortzonendenkens sein müsste, das kommt in Fitting In  mehrfach und überzeugend zur Sprache.

Der Dokumentarfilm läuft ab 18. September 2025 im Kino
Premieren und Specials in Anwesenheit der Regisseurin Fabienne Steiner
reguläre Spielorte und -Zeiten


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