
Biel. Bienne. Eine Hochburg der mediterranen Architektur? Im Prinzip ja, wenn es nach dem Stadtwanderer geht, dem Architekten, Schreiber und Redner Benedikt Loderer: «Hier haben wir die Kathedrale mit dem Campanile. Und gegenüber, auf der anderen Seite des Platzes, das Baptisterium.»
Loderer ist der erste Kronzeuge im Dokumentarfilm von Jan Buchholz. Und was Loderer mit Flair und Augenzwinkern beschreibt, umreisst die Synopsis von Buchholz’ Film mit angemessen reduzierter Nüchternheit:
Inmitten der zweisprachigen Stadt Biel breiten sich 5082 m² Asphalt aus. Die rechteckige, hellgraue Fläche nennt sich “Place de l’Esplanade”. Sie verbindet das Kongresshaus, ein Repräsentationsbau der Moderne, mit der Coupole, dem 1968 gegründeten Autonomen Jugendzentrum. Der Platz ist bis heute geprägt von stetigem Wandel und erzählt die Geschichte einer Stadt zwischen Aufbruch und Rezession.
Auf die Idee muss man erstmal kommen, einen einstigen grossen Parkplatz (heute stehen die Autos darunter) zum Herzen einer zugegebenermassen ziemlich einzigartigen Stadt zwischen Deutschschweiz und Romandie zu machen. Aber die Menschen, die in Buchholz’ Film in der Folge zu sehen und zu hören sind, lassen keinen Zweifel daran.

Der Platz und die Kämpfe und Krämpfe darum, die Coupole (wie die Berner Reithalle ein längst generationell etabliertes Symbol der Gegenkultur) als Gegenpol zum Konzertsaal im Kongresszentrum, sie werden von all den Zeugen, welche Buchholz aufbietet nie in Frage gestellt. Der Film präsentiert eine Art nostalgischen Konsens der Hingabe zum beständigen Wandel.
Da bezeichnen Mitglieder des Betriebskomitees der Coupole ihren Veranstaltungsort als mittelgrosses KMU mit Millionenumsätzen, aber ohne Hierarchien und Strukturen, «und trotzdem funktioniert es». Der städtische Beamte, der zur Vergabe der Bewilligungen an Strassenmusikanten im Büro jeweils eine Kostprobe des Könnens verlangt, meint, das sei dann manchmal auch ein wenig wie bei DSDS, manche müsse man bitten, erst noch ein wenig zu üben, oder ihr Instrument zu flicken und dann wiederzukommen.

Ein balkonbegrünender Anwohner beklagt die Rodung der Büsche auf der Brache am Rand des Platzes. Die seien alle abgeholzt worden, weil man sie für Dealer-Verstecke gehalten habe. Und nun hätten die vielen Vögel von einst keine Nistplätze mehr. Und der in die Jahre gekommene Beatboxer erinnert sich an die Hochkultur seiner Jugend in den 1990er Jahren, als HipHop alles prägte.
Der Film lässt sie alle zu Wort kommen und sie alle zeichnen ein positives Bild, selbst jene, denen einzelne Veränderungen nicht wirklich passen. Das klingt verdächtig nach konstruierter Harmonie, ist aber offensichtlich ein funktionierendes städtisches Modell, bei dem alle irgendwie mitreden und auch gehört werden.

Im Übrigen steht Dokumentarfilmer Buchholz seinen Protagonisten an Eloquenz und sprachlicher Präzision nicht nach. Er verbindet die städtische Realität der Stadt Biel mit den Idealen der klassischen Antike und erklärt Platz und Film zu nichts weniger als einer hybriden Agora:
Meine Anfangsidee für diesen Film bestand darin, über eine längere Zeitspanne die Veränderung eines Ortes zu beobachten. Die “Place de l’Esplanade” im Zentrum von Biel schien mir geeignet, weil sie stadtintern immer wieder für kontroverse Diskussionen sorgte. Einerseits ist da wortwörtlich viel Platz da, um was zu machen – ein typischer Schweizer Mehrzweckplatz eben – und andererseits ist der Asphalt zu heiss um sich länger drauf aufzuhalten.
Der Ort spiegelt die Aktualität und das sich verändernde Bewusstsein für ökologische und urbane Fragen, bietet aber auch einen Blick in die Vergangenheit. Mit dem Kongresshaus, dem Autonomen Jugendzentrum und den Neubauten wird der Platz von drei gesellschaftlichen Symbolträgern flankiert, die eng mit dem Habitus der Stadt verbunden sind. Zwischen Aufschwung und diversen Krisen hat sich eine eigene Mentalität und Weltoffenheit herauskristallisiert, welche auch mit “The Biel-Way” umschrieben werden könnte.
Der gewählte chorale filmische Ansatz entspricht meiner Intention, die Geschichte dieses Ortes aus multiplen Perspektiven zu erzählen und – nach dem Vorbild der antiken Agora – ein öffentliches Stadtgespräch zu lancieren, das hoffentlich weitergeführt wird.
Der Film von Jan Buchholz leistet tatsächlich mehr als das. Indem er einen guten Teil der Geschichte von Biel seit den 1960er Jahren bis heute nachzeichnet, über die Hochkonjunktur und die Krisen, mit den jeweiligen kommunalen Reaktionen darauf, macht er ganz nebenbei Biel erneut zu einem Modellfall. Denn was da an Erinnerungen und an Zukunft geteilt wird, das kommt vielen von uns bekannt vor, auch im Hinblick auf die eigene Lebensumgebung. Auf diesem Asphalte public wirkt es einfach übersichtlicher und harmonischer als in der eigenen Erinnerung.
Was den Film zu einem anregenden, grossen Vergnügen macht.
Im Kino seit dem 25. September 2025
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