
Es ist schon erstaunlich, wie Christian Petzold immer wieder auf einzelne Motive in seinen Filmen zurückkommt und dabei etwas völlig Neues erschafft.
In seinem jüngsten Meisterwerk tauchen sie gleich reihenweise auf, die Echos aus seinem Filmschaffen. Da ist natürlich Barbara Auer, mit der er für diverse Fernsehkrimis, aber auch für Die innere Sicherheit (2000) oder Yella (2007) zusammengearbeitet hat. Da ist Paula Beer in ihrer vierten Petzold-Hauptrolle, seit sie seine langjährige Leading Lady Nina Hoss abgelöst hat.
Aber da ist auch das Bild von der Frau auf dem Fahrrad, auf einer Landstrasse, das sich ebenso durch seine Filmografie zieht, wie die Landschaft östlich von Berlin, die Uckermark, die Ostseeküstenstriche. Da ist die kleine ad-hoc-Familie auf dem Weg zu neuen Wahlverwandtschaften. Und da ist der Autounfall, der immer wieder die eine oder andere Hauptfigur zu einem Geist oder einem Schatten seiner oder ihrer selbst macht.

So ein Schatten ihrer selbst ist Laura (Paula Beer) zu Beginn von Miroirs No. 3. Sie steht auf einer Brücke, lehnt über das Geländer und starrt ins Wasser unter ihr. Etwas später steht sie unter der Brücke am Wasser, ein Stehpaddler zieht stumm an ihr vorbei.
Mit dem Wasser und Paula Beer taucht bei jedem Petzold-Aficionado die Erinnerung an Undine auf. Aber auch viele weitere Petzold-Momente, etwa Yella (Nina Hoss), die, beim Unfall aus dem Auto geschleudert, am Ufer eines Flusses erwacht, sich aufrappelt und klatschnass zum Bahnhof geht.
Auch Laura reisst sich los vom Ufer und taucht kurz darauf verstört und abwesend in der Wohnung auf, die sie mit ihrem Freund Jakob (Philip Froissant) teilt. Auch auf der folgenden Cabriofahrt mit einem befreundeten Paar zu einem Bootsausflug bleibt Laura abwesend. Und am Yachthafen angekommen erklärt sie gar, sie wolle wieder nach Hause. Worauf Jakob sie so wütend zum Bahnhof fährt, dass er einen Unfall verursacht und tot liegen bleibt.

Während Laura von Betty (Barbara Auer) in ihr nahegelegenen Haus gebraucht wird. Und da entspinnt sich dann wieder eine dieser hinreissenden, geheimnisvollen Petzoldschen Beziehungs-Rekonfigurationen, entfernt vergleichbar mit jener in Roter Himmel. Denn auch Betty ist, wie Laura, nur noch ein Schatten ihrer Selbst, ein Gespenst, das einen Weg zurück ins Leben sucht, zurück zu ihrem Mann und ihrem Sohn.

Und einmal mehr gelingt Christian Petzold diese unnachahmliche Fusion der grossen Tragödie mit dem kleinen Beziehungsspiel, die Vermählung des gewesenen Melodramas mit einer gegenwärtigen, präzisen und liebevoll vorsichtigen Annäherung, die auch Abstossung braucht, und Loslassen.
Miroirs No. 3 bildet mit Undine (Wasser) und Roter Himmel (Feuer) Petzolds Elemente-Trilogie und wäre damit der Luft gewidmet. Petzold hat allerdings in Interviews wiederholt darauf hingewiesen, dass dieses Denken in filmischen Trilogien für ihn eher ein kreatives Antriebsmoment sei als ein zwingendes Ordnungsprinzip. So bildete Gespenster von 2005 mit Yella (2007) und Die innere Sicherheit (2000) die – Überraschung – Gespenster-Trilogie, die ihren Namen eher post festum bekam, zumal sich die Trilogie mit etlichen der Nachfolgefilmen zu einer Hexalogie verbinden liesse. Oder wahlweise Petzolds Gesamtwerk zu einer «Poikilogie».

Der Titel des Films ist ein Hinweis auf die Konstruktion der erzählerischen Anlage, wie immer bei Petzold, wenn er nicht einfach auf einen Namen setzt. Die «Miroirs» sind ein fünfteiliger Klavierzyklus von Maurice Ravel, das titelgebende Miroirs No. 3 trägt seinerseits den Titel «Une barque sur l’océan» (Eine Barke auf dem Ozean), was durchaus die Befindlichkeit der einzelnen Figuren im Film von Petzold nachzeichnet.
Wichtiger aber scheint der Miroir selbst, der Spiegel. Denn Betty und Laura, die menschlichen Gespenster in Petzolds jüngstem Film, spiegeln sich nicht nur gegenseitig, sie sehen auch weitere Gespenster weit hinten in diesen Spiegelbildern.
Viel wichtiger aber ist der Seelenspiegel, den uns Christian Petzold auch mit seinem jüngsten Film wieder vorhält: Wir sehen uns selbst darin und lächeln schmerzlich. Und glücklich.
Im Kino ab 9. Oktober 2025
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