
Nein, dieser Stiller – der Film – ist nicht das Monument, zu dem der Roman von Max Frisch geworden ist. Die filmische Adaption von Stefan Haupt ist keine zeitgenössische Neuinterpretation, kein Meisterwerk, kein Film für die Ewigkeit. Aber Stiller ist ein gutes Stück Kino, eine vergnügliche Erinnerung an die einstige Lektüre – oder ein Fingerzeig darauf, dass sich diese durchaus lohnen könnte.
Dabei hat Max Frischs Geschichte des Mannes, der nach seiner Verhaftung immer wieder versichert, er sei nicht der gesuchte Anatol Stiller, sondern ein Amerikaner namens James Larkin White, auch heute relevantes Identifikationsverwirrungspotential. Spätestens dann, wenn der Inhaftierte verzweifelt fragt, wie man denn beweisen solle, jemand NICHT zu sein.
Der neue Leinwand-«Stiller» ist ein schön gefilmtes Reader’s Digest des Romans, das sich wohltuend auf den linearen Plot der Filmeinstiegszeit konzentriert – versetzt mit sparsam gesetzten Rückblenden, die das Geflecht aus Identität und Vergangenheit gerade so weit auffächern wie unbedingt nötig.

Haupts Adaption erspart dem Publikum nicht zuletzt die oft überdrehten und nicht wirklich gut gealterten Amerika-Räuberpistolen aus der Romanvorlage: Diese werden im Film nur in knappen, erzählenden Passagen gestreift – etwa wenn White (Albrecht Schuch) seinem Gefängniswärter von seinen USA-Abenteuern erzählt, oder eine sehr reduzierte Referenz auf die Jim-Jim-Rip-van-Winkle-Geschichte, die er im Bett mit Julika (Paula Beer) anreisst. Die filmische Entscheidung, diese Episoden nur anzudeuten, lässt Raum für die zentralen zwischenmenschlichen Konflikte rund um Identität und Erinnerung und reduziert die epischen Seitenströme der literarischen Vorlage und den Ausstattungsaufwand für die Produktion.

Das Casting weist einige Highlights auf. An der Spitze steht dabei die wirklich gelungene Besetzung des jungen, idealistisch-naiv selbstbezogenen Anatol Stiller mit Sven Schelker, während die James-Larkin-White-Inkarnation der zeitlichen Haupterzählebene von Albrecht Schuch – schön abgehangen, gealtert, gereift – noch immer die früheren Züge mitträgt. Dabei hilft der Umstand, dass sich die beiden Schauspieler tatsächlich verblüffend gleichen. Schuch packt, nicht zuletzt mit seinem Swiss-American-Akzent, aber auch mit einer schillernd anwesenden Präsenz, die dem Enigma Stiller durchaus gerecht wird.
Eher eine Fehlbesetzung ist dagegen Maximilian Simonischek als Staatsanwalt Rolf Rehberg. Die eckige Gravitas, die ihm als Zwingli durchaus gut gestanden hat, wirkt in Stiller karikierend, vielleicht auch darum, weil Simonischek in der Zwischenzeit mit einer ähnlich gelagerten Rolle in Friedas Fall fast eine Doublette geliefert hat.

Das liegt aber wohl auch am Script, das dieser eigentlich tragenden Figur wenig Nuancen verleiht und dem Schauspieler kaum Spielraum für Tiefe lässt. Dafür vermag die immer wieder überraschende Paula Beer aus der ebenfalls eher dünn angelegten Rolle der Julika einiges an Präsenz und Wirkung herauszuholen. Und doch bleibt Julika Paula Beers Charisma zum Trotz Stillers Projektion. Was wiederum durchaus ihrer Zeichnung durch Max Frisch entspricht, auch wenn das als Interpretation (meinerseits oder des Films?) schon recht weit geht.

Die interessanteste Frauenfigur in diesem Film, auch darstellerisch, ist allerdings Marie Leuenbergers Sibylle Rehberg, die Frau des Staatsanwalts, die mit ihrer Affäre mit dem jungen Stiller dessen Unreife und Feigheit für ihn und das Kinopublikum erst greifbar macht.
Eher verunglückt ist der Einfall, Martin Vischer in der Rolle des Architekten Sturzenegger als Max-Frisch-Karikatur anzulegen, selbst dann, wenn der einstige Architekt Frisch selbst diesem Opportunisten passende Züge angedichtet haben mag. Die Vereindeutigung in einer Szene, in der Rehbergs von Sturzenegger gebaute modernistische Villa von Stiller/White (Schuch) kritisiert wird, wirkt wie eine literarische Fussnotenpointe.

Die Ausstattung dagegen begeistert mit liebevoller Nostalgie. Es ist nicht einfach, mit den doch beschränkten Mitteln selbst einer opulenten Schweizer Filmproduktion gleich zwei vergangene Epochen lebendig auszustatten. Dem Team um Su Erdt, Monica Schmid und Barbara Bernhard gelingt es mit relativ bescheidenen Mitteln, die Schweiz in den zwei unterschiedlichen Dekaden des letzten Jahrhunderts glaubwürdig aufscheinen zu lassen. Das wirkt nicht zuletzt auch als gelungene Referenz an die Epochenverknüpfung des Romans, der in jeder Beziehung ein Produkt seiner Zeit geblieben ist, ein Buch, das zwar thematisch zeitlos, aber zugleich seinem Zeitgeist untrennbar verbunden ist.

Und ausgerechnet in dieser Hinsicht fällt Stiller – der Film – eher flach aus. Im Versuch, das Schweiz-Bashing, die bisweilen sehr energische Systemkritik des Romans ins Filmische zu übertragen, bleibt das Drehbuch gezielt an der Oberfläche: Die Kritik am «System Schweiz» wird eher stichwortartig abgehandelt. Wenn der Anwalt im Dialog etwa von «Arbeitslager» spricht, wirkt das – so sehr es gesellschaftliche Skandale pointieren soll – doch eher bemüht als überzeugend. Der Film bleibt in diesen Momenten seltsam brav und trocken, anstatt sich den bissigen Kommentaren von Max Frisch wirklich zu stellen. Aber vielleicht liegt gerade darin die Konsequenz dieser Adaption: Sie mag zurückhaltend sein, aber im Kern spiegelt sie die Fragilität von Identitäten und Rollenbildern gezielt zeitlos.
Stefan Haupts Stiller ist weit entfernt von einer epochalen Neuinterpretation des Romans von Frisch. Aber als anregendes, vergnügliches und bisweilen rührendes Kinostück macht der Film Freude. Da verzeiht man ihm auch gerne sein un-Frisch angedeutetes Happy-End.
Im Kino ab 16. Oktober 2025
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