ALL THAT’S LEFT OF YOU (Allly baqi mink) von Cherien Dabis

Noch herrscht Frieden in Jaffa © trigon

Kino ist ideal für gross angelegte Familienchroniken. Mit dem sizilianischen Clan im Gattopardo bekommen wir epochenübergreifende, packende Geschichtslektionen, ebenso wie mit den Corleones der Godfather-Trilogie oder den trotz zahlreicher Anläufe nie ganz auf Leinwandgrösse geschrumpften Buddenbrooks.

Die palästinensisch-amerikanische Regisseurin und Schauspielerin Cherien Dabis überträgt diesen generationenverknüpfenden Ansatz auf das Schicksal der Palästinenser, von der Nakba, der Übernahme Palästinas durch die israelische Staatsgründung, über die Intifada bis kurz vor unsere Gegenwart.

Proteste der Intifada, der ‚Krieg der Steine‘ © trigon

All that’s left of You setzt ein mit dem «Krieg der Steine» in den 1980er Jahren, Noor (Muhammad Abed Elrahman), der Teenager-Sohn von Hanan (Regisseurin Cherien Dabis) und Salim (Saleh Bakri) beteiligt sich im Familienexil im Westjordanland an den Protesten gegen die israelische Militärmacht, dabei wird er in den Kopf geschossen; im Spital in Haifa stellt sich später heraus, dass der Junge nicht zu retten ist.

Zuvor aber wendet sich seine Mutter direkt in die Kamera und verweist darauf, dass die tragische Geschichte eben viel früher angefangen habe, 1948, als Grossvater Sharif (Adam Bakri) mit seiner Familie von seiner Orangenplantage in Jaffa vertrieben wurde, zusammen mit tausenden von anderen palästinensischen Familien.

Der Zeitsprung aus der Vergangenheit der 1980er Jahre ins Jahr 1948 ist symptomatisch für das Problem, mit dem dieser Film zu kämpfen hat und dem Cherien Dabis mit ihrer oft durchaus berührenden, intimen, exemplarischen Familienchronik nicht mehr beikommt: Die von klassischer Kinoästhetik geprägten, schön ausgeleuchteten, historisch-realistischen Bilder haben keine Chance gegen das, was wir an Bildern aus Gaza zu sehen bekommen haben seit dem 7. Oktober 2023.

Die Flucht der Palästinenser aus Jaffa 1948 © trigon

Die komplette Zerstörung Gazas, die Proteste, das weltweite Entsetzen und die Ohnmacht, die auch unseren politischen und sozialen Alltag seither prägen, legen sich über all den beschworenen Realismus. Der staubige, blutige Horror der täglichen Nachrichten ist dermassen präsent, dass uns fast jeder Moment von All that’s left of You daran erinnert, dass wir einen Film anschauen. Einen liebevoll, sorgfältig und schön gemachten Kinofilm, aber eben eine Fiktion, die sich und uns über die historische Realität informiert.

Warum dieser filmische Realismus zum jetzigen Zeitpunkt nicht funktioniert, erschliesst sich vielleicht am ehesten im direkten Vergleich mit Nadav Lapids Yes!, der dieser Tage ebenfalls im Kino zu sehen ist und über eine ganz andere Perspektive vom gleichen Wahnsinn und den gleichen Ungerechtigkeiten erzählt. Aber dermassen übersteigert, absurd und schmerzlich grell, dass der satirische Ansatz mit den News-Bildern fusioniert und sich in unserer Gegenwart festkrallt.

Salim (Saleh Bakri) und hannan (Cherien Dabis) mit Sohn Noor (Muhammad Abel El Rahman) und Tochter © trigon

All that’s left of You erzählt aus der Vergangenheit, der Film von Cherien Dabis will Verständnis wecken für die historischen Zusammenhänge, Antworten auf Fragen geben, die sich durchaus stellen. Dass die Filmemacherin dabei im emotional nachvollziehbaren familiären Rahmen bleibt hat leider auch den Nebeneffekt des gelegentlichen Déjà-vu. Natürlich ist es wünschenswert, mehr zu wissen über die Wurzeln der Konflikte, die Herkunft all der Wut, der Trauer.

Aber das haben andere Filme auch schon geleistet, am stärksten in der jüngeren Zeit wohl Shoshana von Michael Winterbottom, der 1938 im noch britisch verwalteten Tel Aviv einsetzt und letztlich beleuchtet, welche Kräfte und Interessen in der Region wirkten, bis zum Rückzug der Briten.

Shoshana hatte Weltpremiere im September 2023, also nur wenige Tage vor dem 7. Oktober 2023, und wirkte, als er dann auch bei uns ins Kino kam, wie ein nachgeschobener historischer Erklärungsversuch. Aber ein aufschlussreicher, gerade darum, weil Winterbottoms Film konsequent in der historischen Vergangenheit bleibt.

Glückliche Tage in Jaffa: Vater Sharif (Adam Bakri) mit Sohn Salim © trigon

All that’s left of You wird dagegen auf sein Ende hin gut gemeint metaphorisch, wenn sich ein Teil des familiären Konfliktes darum dreht, ob die Organe des erschossenen Jungen freigegeben werden sollen, um anderen das Leben zu retten, selbst auf die Gefahr hin, dass Noors Herz dereinst in der Brust eines jungen israelischen Soldaten schlagen könnte, der wiederum auf palästinensische Altersgenossen würde schiessen müssen.

Noch vor drei Jahren hätte sich dieser Film als poetisch-versöhnlicher Versuch der Aufklärung durchaus behaupten können. Und vielleicht wird er das auch in ein paar Jahren wieder können. Aber gerade jetzt verbindet sich der gut eingebettete moralische Aufruf, die zutiefst humane «Botschaft» nicht wirklich mit dem emotionalen Chaos, der Hilflosigkeit und der Ohnmacht der Realität.

Im Kino ab 23. Oktober 2025
Verleihgespräch mit der Regisseurin
Spielorte und -Zeiten


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