IT WAS JUST AN ACCIDENT (Yek tasadef sadeh) von Jafar Panahi

Palme d’or  Filmfestival Cannes 2025

Vahid Mobasseri © frenetic films

Zweimal war er im Gefängnis in seiner Heimat, dem Iran. 2010 wurde Jafar Panahi verhaftet und bekam ein Reise- und ein Arbeitsverbot, das er erfolgreich und listig umgangen hat. Etwa mit seinem This is not a Film von 2011, oder mit seinem bisher grössten Publikumserfolg, Taxi Teheran 2015. Paradoxerweise haben ihm dabei seine Filmfestivalerfolge, seine globale mediale Präsenz, nicht nur geholfen, sondern auch seine Schwierigkeiten weiter verstärkt. Im Juli 2022 wurde er wieder verhaftet und kam erst nach weltweiten Protesten und einem Hungerstreik im Februar 2023 wieder frei.

Und nun hat er mit einem Film über die langen Schatten des Gefängnisaufenthaltes im Mai dieses Jahres die goldene Palme des Filmfestivals von Cannes gewonnen – eine Ehrung, die in diesem Falle gleichermassen Ausdruck der Solidarität ist, wie auch ein Preis für einen ebenso einfachen wie komplex effizienten Film.

Ein einfacher kleiner Unfall – ein Familienvater mit seiner schwangeren Frau und seiner Tochter im Auto überfährt auf einer unbeleuchteten nächtlichen Strasse einen der vielen streunenden Hunde – löst eine Kettenreaktion aus. Denn in der Werkstatt, in welcher der Schaden am Auto provisorisch behoben werden soll, erkennt der Arbeiter Vahid (Vahid Mobasseri) mit Entsetzen das charakteristische Geräusch der Beinprothese des Mannes und ist sofort überzeugt, seinen einstigen Gefängnis-Folterer vor sich zu haben. Also entführt er ihn in die Wüste, mit der Absicht, ihn dort lebendig zu begraben.

Aber der Entführte (Ebrahim Azizi) bestreitet vehement, dieser Eghbal zu sein und verunsichert Vahid damit immerhin so weit, dass ihn dieser wieder geknebelt und gefesselt in die Kiste im Van einsperrt und sich auf die Suche nach den einstigen Mitleidensgenossen macht, die bei der Identifizierung helfen sollen.

Vahid Mobasseri © frenetic films

It was just an accident ist eine bisweilen unwiderstehlich komische, oft aber auch absurd-grausliche Mischung aus Realitätsvermittlung und moralisch-ethischer Abwägung. Denn die Männer und Frauen, welche Vahid mit seinem Gefangenen konfrontiert, stehen für ganz unterschiedliche Haltungen und Traumata. Was sie alle gemeinsam haben, ist die Leidenszeit im Gefängnis und die Erinnerungen an das, was ihnen «Hinkebein» Eghbal angetan hat.

Als Jafar Panahi im Februar 2023 aus dem Gefängnis kam, beschäftigte ihn nicht zuletzt auch das Leiden jener, die er dort kennengelernt hatte, ihr Leiden, ihre Traumata und der Umstand, dass etliche von ihnen weiterhin eingesperrt blieben.

So entstand schliesslich dieses Drehbuch mit einer Gruppe von Schicksalsgenossinnen und Schicksalsgenossen, die – stellvertretend für all die anderen Regime-Opfer – ihre Haltung, ihre Wut, ihre Traumata, ihre Rache- und Gerechtigkeitswünsche aufeinanderprallen lassen.

(v.r.) Mariam Afshari, Vahid Mobasseri, Mohamad Ali Elyasmehr, Majid Panahi © frenetic

Da ist der erste, den Vahid aufsucht, der besonnene Salar (Georges Hashemzadeh), in einer Buchhandlung. Der will nichts von einer individuellen Rache wissen und meint bloss, Vahid solle sich nicht selbst zum Täter machen.

Die Fotografin Shiva (Maryam Afshari), welche eben die Hochzeitsbilder für ihre einstige Leidensgenossichn Golrokh (Hadis Pakbaten), und ihren Bräutigam Ali (Madjid Panahi) inszeniert, will vor allem verhindern, dass die Braut wieder mit ihrer Wut und ihrem abklingenden Trauma konfrontiert wird. Was selbstredend misslingt und zu den tragikomischsten Bildern des Films überhaupt führt, der Braut im Hochzeitskleid, die zur Rachefurie wird.

Majid Panahi, Hadis Pakbaten, Mariam Afshari © frenetic

Und dann stösst noch Hamid (Mohamad Ali Elyasmehr) dazu, der Wütendste und Unberechenbarste von allen, der die kleine Gruppe an den Rand des Wahnsinns führt. Denn weder über die Frage, ob der Mann in der Kiste tatsächlich dieser Ehgbal sei, noch darüber, wie mit ihm nun zu verfahren wäre, können sie sich einigen.

Die Diskussionen und Konfrontationen, die dabei entstehen, durchlaufen alle möglichen Stadien theatralisch-filmischer Inszenierung, von grossangelegten, wortreich-diskursiven Debatten («Warten auf Godot» wird dabei ausgerechnet von Hamid evoziert), über kurze heftige Ausbrüche, bis zu einem klug angelegten Binnenperspektivenwechsel zu Frau und Tochter des Mannes in der Kiste.

Letztlich vermittelt Panahis Film nicht nur den diskursiven Komplex von Opfer-Täter-Umkehr, die moralisch-ethischen Diskussionen um Gewalt und Rache oder auch das begründete Töten, denen sich schon so viele Filme gewidmet haben, sondern auch – und das ist der vielleicht grossartigste Zug dieses Films – über tragikomische Momente und Szenen fast schon dokumentarisch Zeugnis über die Vorgänge und systemischen Strukturen im iranischen Unterdrückungsapparat.

Mariam Afshari, Mohamad Ali Elyasmehr, Majid Panahi, Hadis Pakbaten, Vahid Mobasseri © frenetic

In einem Interview mit Jean-Michel Frodon hat Jafar Panahi noch vor der Filmpremiere in Cannes im Mai 2025 erklärt, wie die Figurenkonstellation des Film entstanden ist:

Es handelt sich um fiktive Figuren, aber was sie erzählen, ist tatsächlich einigen Gefangenen widerfahren. Real ist auch die Vielfalt ihrer Profile und ihrer Reaktionsweisen. Einige werden ihrerseits sehr gewalttätig und sind von Rachegedanken besessen, während andere trotz allem versuchen, Abstand zu gewinnen und über längerfristige Möglichkeiten nachzudenken. Einige waren sehr politisiert oder wurden es, andere überhaupt nicht, sie wurden eher zufällig verhaftet. Das ist der Fall der Hauptfigur Vahid, einem Arbeiter, der lediglich die Zahlung seines Lohns gefordert hatte. Das Regime macht keine Unterschiede. Die anderen Figuren des Films verkörpern jeweils eine der vielen Gruppen, die mehr oder weniger organisiert die Opposition bilden. Diese Gruppen stehen oft in offenem Konflikt miteinander, auch innerhalb der Gefängnisse. Sie sind sich alle einig, dass sie gegen das Regime sind, aber was den Rest angeht… Seit dem Tod von Mahsa Amini und der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ hat sich die Ablehnung des Regimes allgemein verbreitet. Oft ohne zu wissen, wodurch es ersetzt werden soll. Und das ist mit blossem Auge erkennbar, schon allein dadurch, dass heute sehr viele Frauen ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit auftreten. Dieser Massenungehorsam war vor einigen Jahren noch völlig undenkbar, aber die Szenen des Films, die mitten auf der Strasse mit Schauspielerinnen ohne Kopftuch gedreht wurden, entsprechen dem heutigen Stand der Dinge. Die iranischen Frauen haben diesen Wandel durchgesetzt.

It was just an accident ist ein ebenso einfacher wie komplexer Film, in dem tragische Komik und indirektes Grauen sich auf einen seltsamen, bisweilen recht redseligen Tanz miteinander einlassen. Vor allem aber ist der Film auch ein Manifest, Zeugnis einer zutiefst menschlichen Haltung gegenüber dem Unrecht und der Gewalt der iranischen Religionsdiktatur und damit ein Beispiel für unerwartet effektive Widerständigkeit.

Im Kino ab 30. Oktober 2025
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