
129 Minuten pompöse, prächtige Langeweile. Dass muss man auch erst mal hinkriegen, nach 128 Jahren Dracula. Luc Besson borgt sich seine Bilder bei seinen Vorreitern, und dabei vor allem bei jenen, die ihn selbst beeindruckt haben, insbesondere bei Francis Ford Coppola und dessen Bram Stoker’s Dracula von 1992.

Aber der kitschaffine Franzose, der einst mit originellen und effizient genre-hybriden Europroduktionen wie Subway oder Nikita das Weltkino bereichterte, hat dem Dracula-Corpus nichts Substanzielles mehr hinzuzufügen. Und schon gar nichts mit jener Spur von Transsubstanzialität, welche mit der Figur des Vampirs einhergeht.
Wie der Titel schon verkündet, interpretiert Besson den unsterblichen Grafen als untröstlichen Liebenden. Nachdem Vlad im Kampf gegen die Muselmanen seine Geliebte Elisabeta verloren hat, bringt er, Gott zum Trotz, einen Bischof um und muss fortan zur Strafe als ewig einsamer Unsterblicher vom Blut der Menschen zehren, stets auf der Suche nach der Reinkarnation seiner Geliebten.

Nun ist auch diese Interpretation des Untoten als liebeskrankem Gotteslästerer nicht mehr neu, sie ist in unzählige Dracula-Variationen eingeflossen. Wenn allerdings der vor zwei Jahren von Vergewaltigungsvorwürfen freigesprochene Luc Besson den frauenaussaugenden Grafen so als missverstandenen Liebenden zeichnet, dann bekommt das filmische Unternehmen eine Schlagseite.
Nun könnte das durchaus auch mit einer künstlerischen Aufarbeitung einhergehen, einer Art Autoexorzismus, wie bei Roman Polanski, der nach Jahrzehnten der immer wieder aufflackernden Vorwürfe und Anklagen mit seiner filmischen Rekonstruktion der Dreyfus-Affäre mit J’accuse von 2019 eine Aufarbeitung versuchte.
Aber Luc Besson bleibt beim Aneinanderreihen von Versatzstücken und filmischen Tableaus. Die ersten zwanzig Minuten des Films erinnern nicht nur an ein dutzend anderer Dracula/Vlad-Filme, sondern auch an John Boormans King Arthur Film Excalibur von 1981.

Fast jede Einstellung von Luc Bessons Dracula kann direkt einem Vorbild zugeordnet werden, die Reverenz, die er dabei Coppola erweist, geht bis in die Details von Frisur und Makeup bei Bessons Dracula-Darsteller Caleb Landry Jones. Und auch sonst folgt Besson dem Film von Coppola sozusagen auf dem Fuss.
Das hätte alles auch frisch und verblüffend sein können, hätte Besson dem Stoff den einen oder anderen zusätzlichen Kick verpasst. Aber dieser Film besteht fast nur aus mehr oder weniger aufwändigen Tableaus, die ihrerseits fast ausschliesslich Reminiszenzen bleiben.
In einer einzigen Sequenz des Films schwingt sich Besson zu alter Frische auf. Nachdem Vlad Dracul in seinem Schloss von der Existenz Minas in Paris erfahren hat und überzeugt ist, endlich seine Elisabeta wiedergefunden zu haben, begibt er sich zwecks Frischzellenkur ins Nonnenkloster und lockt mit einem selbst entwickelten Parfum den ganzen notgeilen Nonnenkonvent in den Kirchenraum, wo sich die rettungslos erotisierten Frauen zu einer absurden Ernährungs-Pyramide auftürmen, auf deren Spitze Dracula sich saugend verjüngt.

Aber so verblüffend trailertauglich diese und ein paar andere Szenen daherkommen: Sie fügen sich nie zu einem dramaturgisch zwingenden Sog. Bisweilen wird der Film sogar ungewollt komisch, etwa wenn sich der verzweifelte Vlad nach Elisabetas Tod immer und immer wieder aus einem Burgfenster stürzt und dann wieder die Wendeltreppen hochrennt, wie ein Super Mario mit unerschöpflichem Lebensvorrat.
Wo Robert Eggers ambitioniertes Nosferatu-Remake vom letzten Jahr allenfalls etwas zu viel Interpretationsspielraum öffnete und dabei überraschend ironiefrei operierte, bleibt Luc Bessons Variation des Stoffes ein unentschiedenes und überflüssiges Potpourri aus Versatzstücken, das sich nur dann kurzfristig zu etwas Leben aufschwingt, wenn Christoph Waltz sich als Priester in der Van-Helsing-Rolle selbst parodiert und dabei den Eindruck erweckt, er sei ähnlich unbeeindruckt von Bessons blutleerer Zauberlaternenschau wie wir als Kinozuschauer.
Im Kino ab 30. Oktober 2025
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