FRANZ K. von Agnieszka Holland

Dr. Franz Kafka (Idan Weiss) In der Versicherungsanstalt © frenetic films

Franz Kafka und seine Texte seien für sie so prägend gewesen, sagt Agnieszka Holland, dass sie unbedingt in seinem Prag studieren und die Filmschule machen wollte, bevor sie nach Polen zurückkehrte und ihre eigene Karriere als Assistentin von Krzysztof Zanussi und Andrzej Wajda startete. Das war in den frühen 1970er Jahren und seit damals muss sie diesen Franz K. und dieses Prag mit sich als Projekt herumgetragen haben, mehr als ein halbes Jahrhundert.

Entsprechend umfassend, reichhaltig, überbordend und aus allen Nähten platzend ist ihr Film nun geworden. Aber zugleich – und zum Glück – getragen von einer fröhlich enzyklopädischen Leichtigkeit. In Franz K. steckt nicht nur ein Leben und ein Werk, nicht nur die Biografie und die Wirkungsgeschichte und der Mythos von Kafka, sondern ein ganzer Strauss biografischer, literarischer und vor allem multiperspektivischer Blütenstände und Dornensträucher. Dieser Film ist ein Fest, eine Feier, eine Versuchung.

Vater Hermann Kafka (Peter Kurth), Franz (Daniel Dongres) Mutter Julie Kafka (Sandra Korzeniak) © frenetic films

1:10 Millionen sei das Verhältnis der von Franz Kafka geschriebenen Wörter zu der Anzahl der Wörter, die seither über ihn geschrieben wurden, erklärt im Film eine der Kuratorinnen der zahlreichen ausgesprochen witzig eingebauten Kafka-Institutionen, bevor weitere Sequenzen folgen mit Kafka-Burgern, einer riesigen mechanischen Kafka-Büste oder glücklichen japanischen Touristen, die sich am bevorzugten Badeort ihres Idols ans Moldau-Ufer legen

«Kafkaesk» ist zu einem beinahe global wirksamen Ausdruck geworden, kaum ein anderer Autor des 20. Jahrhunderts wurde mit einem so schmalen Werk so universal wirksam. Entsprechend unmöglich scheint der Versuch, dem Phänomen Kafka in etwas über zwei Stunden adäquat beizukommen. Es gibt keinen punktuellen Ansatz, keine Perspektive, der oder die gründlich genug greifen würde. Also nutzen Holland und ihr Drehbuchautor Marek Epstein einfach alle Perspektiven, derer sie einigermassen habhaft werden können.

Franz Kafka (Idan Weiss) © frenetic films

Der Film springt dauernd zwischen Kafkas Kindheit und Jugend und der Zeit als Erwachsener hin und her, baut inszenierte Szenen aus seinen Texten ein und verbindet das alles mit einer gegenwärtigen Perspektive auf Institutionen, Museen und Ausstellungen zu Kafka.

Da sind etwa Mutter Julie (Sandra Korzeniak) oder Schwester Ottla Kafka (Katharina Stark), die mitunter direkt in die Kamera sprechend Erinnerungen oder Vermutungen über Franz beisteuern.

Die Mutter bedauert zum Beispiel, dass ihre zwei anderen Söhne schon als Kleinkinder gestorben seien. Ihre Präsenz hätte Franz manches erspart, gerade im Hinblick auf die Vorstellungen seines Vaters, sie hätte ihm vielleicht gar die Existenz als Schriftsteller ohne Brotberuf ermöglicht.

Schwester Ottla Kafka (Katharina Stark) und Max Brod (Sebastian Schwarz) an Kafkas Lesung © frenetic films

Oder Schwester Ottla gibt freimütig zu, dass sie nicht nur die Briefe von Franz an Grete Bloch gelesen hat, sondern diese auch aus Eifersucht seiner Verlobten Felice Bauer übergeben habe.

Freund, Förderer, Konkurrent und Nachlassverwalter Max Brod (Sebastian Schwarz) kommentiert im Film, aus dem Film heraus und durch den Film hindurch, stellt eigene Vermutungen an, gibt aber auch Urteile ab wie dieses: «Franz glaubte, er hätte als Sohn, als Mann und als Schriftsteller versagt. Er entschied sich, als Opfer Erfolg zu haben».

Aufwändige Inszenierungen wie etwa der realistische Nachbau der infamen Nadelschreibtötungsmaschine In der Strafkolonie in einem Steinbruch, schwarzweisse Nachinszenierungen von Orson Welles’ Verfilmung von Der Prozess oder Textlesungen von Kafka selbst mit empörten Walkouts des Publikums bringen manchmal alle Erzähl- und Zeitebenen des Filmes zusammen.

Nicht jede Transition in diesen 127 Minuten funktioniert gleich gut. Aber die schiere Fülle an Material und Facetten tragen zu einem überzeugenden Bild bei.

Franz (Idan Weiss) mit seiner Verlobten Felice Bauer (Carol Schuler) © frenetic films

Dazu kommt die reine Spielebene, jene Figuren wie Franz, von Idan Weiss mit erstaunlicher Mimikry-Kraft gespielt, Vater Herrmann, dem Peter Kurth eine runde, bedrohliche, liebevolle und unausweichliche Präsenz gibt, oder auch die Schweizer Tatort-Kommissarin Carol Schuler als leidensfähige, stahlharte und zugleich ohne Ironie oder Brechung gespielte Felice Bauer, Figuren, die klugerweise die «vierte Wand» respektieren und nicht in die Interpretationskakophonie einstimmen. Das gibt dem Film seinen emotionalen Boden.

Franz K. (der Originaltitel lautet übrigens nur Franz, was für die Kinoauswertung wohl etwas zu nahe bei François Ozons komplett anders gelagertem Frantz von 2016 lag), ist ein mit unglaublicher Sorgfalt, Ausstattungsaufwand und Inszenierungsvielfalt gebautes Pandämonium, das seinem Hauptprotagonisten mehr Witz, Leichtigkeit und Licht zubilligt, als es die Gravitas der globalen Rezeption gemeinhin tut.

Oder mit anderen Worten: Franz K. ist ein Einstiegsdrogenrausch für Neugierige, ein illustriertes Szenenfest für Eingeweihte, ein übervoller Bildersteinbruch für Skeptikerinnen – und das alles zusammen ergibt fröhlich-nachdenklich kafkaeskes Kino im besten Sinne.

Im Kino ab 6. November 2025
Spielorte und -Zeiten


Entdecke mehr von Sennhausers Filmblog

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.