I LOVE YOU, I LEAVE YOU von Moris Freiburghaus

Dino Brandão und sein Vater © outside the box

Zehn Jahre nachdem sie gemeinsam den Kurzfilm Paradox gemacht hatten, erreichte Moris Freiburghaus eine SMS von seinem Jugendfreund Dino Brandão: «Es wird Zeit für Teil 2». Der Musiker schickte sie aus der psychiatrischen Klinik, in der er wegen einer weiteren manischen Phase gelandet war.

Eine der Grundregeln des Dokumentarfilms verlangt, dass über das Medium dokumentiert wird, nicht interveniert. Was gerade dann besonders wichtig scheint, wenn sich der fertige Film in seiner Wirkung als wahrhaftige Dokumentation nicht angreifbar machen soll. Dazu kommt, dass ein Ziel vieler Dokumentarfilme letztlich dann eben doch die Intervention sein dürfte, das Herbeiführen einer veränderten Perspektive auf ein Phänomen, ein Unrecht, ein Unglück.

I love you, I leave you lässt sich und seinem Publikum zunächst nicht viel Zeit zur Reflexion solcher Fragen, unter anderem, weil er sie dauernd paradox beantwortet. Oder mit anderen Worten: Weil er in seiner Verzweiflung mitreisst.

Moris Freiburghaus und Dino Brandão © outside the box

Das entspricht rein argumentativ der rhetorischen Figur, mit welcher Dino auf dem Höhepunkt seiner manischen Psychose jeden Appell an die Vernunft unterläuft: Es ist so, aber es ist anders. Du hilfst mir, du lässt mich im Stich. Du bist mein Freund, du bist ein Snitch. Yin und Yang nennt das Dino selbst – etwa im Hinblick auf den Moment, als Freiburghaus der Polizei die Adresse von Dinos Atelier verrät, als dieser zum xten Mal aus der Klinik getürmt ist und als «sich selbst und andere gefährdend» etikettiert wird.

Es gibt unzählige Filme über Sucht, Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, dokumentarische und fiktionale, grossartige und miserable. Und fast alle betonen das Gleiche: Süchtigen ist nur zu helfen, wenn sie das auch wollen, wenn sie mithelfen, wenn sie sich helfen lassen. Und manchen ist gar nicht zu helfen, dort trifft das Genre des Suchtfilms auf das nicht minder komplexe Genre des Films über psychische Erkrankungen, Störungen, Auffälligkeiten oder auch nur Andersartigkeit.

I love you, I leave you (Dino Brandãos Yin und Yang steckt auch im Titel) hat in gewisser Weise ein Erfolgsversprechen in seiner Anlage eingebaut, ist es doch Dino selbst, der den Film will, als Möglichkeit, als Perspektive, als aktive Intervention. Aber das erschliesst sich eher indirekt, zunächst stürzt uns der Dokumentarfilm einfach in das emotionale Chaos von Dino, seinen Freunden und seiner Familie, mit einer Direktheit, die einem bisweilen zu nahe kommt.

Dino Brandão © outside the box

Wie halten die das bloss aus mit dem, ist unweigerlich die Frage, die einem zuvorderst auf der Zunge liegt, noch während Freiburghaus und Dinos Vater mit unendlicher Geduld versuchen, den Manischen «zur Vernunft zu bringen». Der Prozess des Filmens wird dabei auch zur persönlichen Metapher der Freunde, «im Film sein» zu einer Form der Realitätsverankerung.

Dass die neunzig Minuten des Endschnittes den klassischen Dokumentarbogen einer relativen Erfolgsgeschichte annehmen, entspricht einerseits dem Wunsch aller Beteiligten, auch meinem eigenen als Zuschauer. Dürfte aber zugleich den Filmemachern ein wenig unheimlich geworden sein. Jedenfalls folgt auf das dokumentierte und teilweise nur via Ton und Zwischentitel erzählte elftägige akute Drama zunächst ein wirklich schöner Epilog mit den beiden Freunden.

Dino Brandão, Moris Freiburghaus © outside the box

Dino benennt da sehr klar sein Dilemma: Er wolle alles fühlen. Aber fühlen sei manchmal sehr anstrengend, nicht nur für ihn, sondern auch für seine Umgebung. Aber darauf folgt noch so etwas wie eine Coda, Moris’ vorsichtige Frage, wie das denn das nächste Mal ablaufen werde. Die Erinnerung daran, dass das, was die Musiker- und Künstlerpersönlichkeit des Freundes ausmacht, eben auch diesen Zwiespalt umfasst, die Manie und die Depression. Und dass jedes Dazwischen ebenfalls einen Preis hat.

Und dann, vor dem Abspann, Dino Brandãos zusammenfassender Song, komplett mit animierten Text, der – wie schon die meisten musikalischen Szenen mit Dino zuvor – daran erinnert, dass der Mann ein Musiker ist, ein Künstler, und zwar einer mit Wucht und Talent.

Nicht ohne Grund heisst es in der Psychiatrie (wie auch bei Diabetes-Patienten), jemand sei «gut eingestellt», wenn die medikamentöse Balance einen zumutbaren Zustand aufrechterhalten kann. Was jedem gesellschaftlich akzeptabel eingestellten Menschen wiederum zu denken gibt: Auf welches Fühlen verzichte ich da allenfalls freiwillig?

I love you, I leave you ist in dieser Hinsicht ein Dokumentarfilm über jede und jeden von uns in einer extremeren Ausprägung. Mithin ein ziemlich einfahrendes Erlebnis.

Im Kino ab 6. November 2025
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