
Die norwegische Schauspielerin Rebekka Nystabakk entstammt einer Schafbauernfamilie, die in Nordnorwegen in vierter Generation einen Hof bewirtschaftet. Inmitten von Bergen, Fjorden und buschigen Hängen seien die Schafe das ideale Nutztier, sagt ihre Schwester Rakel. Sie gäben Milch, das beste Fleisch der Welt und Wolle und ernährten sich genügsam von Unkraut und Wildwuchs.
Als die Eltern von Rakel und Rebekka vor einiger Zeit ans Kürzertreten dachten, übernahm Rakel mit ihrer Frau Ida den Hof und die Verantwortung, weiterhin tatkräftig unterstützt von Vater und Mutter. Und mit Schwester Rebekka als Dokumentarfilmerin im Schlepptau. Entstanden ist dabei ein Dokumentarfilm und eine Serie in fünf halbstündigen Episoden für das norwegische Fernsehen NRK.
Vom ersten Winter, in dem Rakel und Ida sich einarbeiten, über die erste Ablamm-Saison durch den Sommer und den Herbst folgt Rebekka ihrer Familie mit der Kamera und im steten mündlichen Austausch. Und das ist ein Fest, weil die Leute ihre Arbeit eben so lieben, wie sich gegenseitig und ihre Schafe, und sie gleichzeitig alle einen gesunden, pragmatischen Humor an den Tag legen.
«Schafe» («Sau» auf Norwegisch) kommt bei uns in der 90minütigen Kinofassung als Woolly – Schaf Dir das Glück auf die Leinwand. Und so läppisch der Verleihtitel auch klingt, er trifft Ton und Inhalt des Films perfekt.

Unser 21. Jahrhundert ist dermassen furchterregend, dass wir ein klares Bedürfnis nach der altehrwürdig bukolischen Schäferromantik zu entwickeln scheinen. Und das Schöne daran: Das Bedürfnis kann dokumentarisch gestillt werden, mit Bedacht, Witz, Einsicht und der nötigen Ironie.
Im Mai dieses Jahres hat uns Sophie Deraspes Bergers entzückt und verblüfft. Ihre Dokufiktion übersteigerte den autobiografischen Roman «D’où viens tu, berger?» vom Kanadier Mathyas Lefebure mit scharfem, bisweilen hyperdokumentarischem Realismus zu einer Meta-Pastorale, die sich vor gar nichts zu fürchten schien.

Daran erinnert nun in Woolly vor allem der Humor der Familie Nystabakk. Denn Tochter Rakel und ihre Frau Ida kommen aus der Stadt, haben ein aktives Leben in der Kultur- und Performance-Szene gelebt, was bedeutet, dass vor allem Ida, die Rakel zu ihren Wurzeln zurück folgt, zu einer einsteigenden Aussteigerin wird, ähnlich wie der kanadische Werber Mathyas in Bergers, der einem romantischen Aussteigerimpuls folgt und in der bisweilen doch recht brutalen Realität der französischen Schafzüchter landet.
Der Charme von Woolly besteht darin, dass die harten Momente auf dem Hof, die schlaflosen Nächte während der Ablamm-Saison, die Angst um kranke Tiere, die schwierigen Entscheide nicht ausgeblendet werden. Aber aufgefangen durch den unerschütterlichen, humorvollen Pragmatismus der Familienmitglieder. Und auch die Filmemacherin Rebekka ist streng genommen eine Umsteigerin. Sie arbeitet als Theater- und Filmschauspielerin und Drehbuchautorin und gibt mit dieser Familiendokumentation ihr Regiedebut.

Wie jeder gute Dokumentarfilm vermittelt auch Woolly über die emotionale Vereinnahmung hinaus eine Fülle von verblüffendem Faktenwissen. Denn auch Rakel geht nicht naiv zurück zu den Wurzeln. Sie profitiert von der Erfahrung und dem Wissen der Eltern, hat aber auch Landwirtschaft studiert und balanciert das Fachwissen geschickt mit der Praxis – und einem klaren Bekenntnis zu Nachhaltigkeit.
So erfahren wir etwa, dass Schafe zwar nur zwei Zitzen haben, aber offenbar gut auch mit drei Lämmern klar kommen. Was dazu geführt hat, dass in der Zucht wie überall auf noch mehr Leistung hin gezüchtet wird, also grössere Schafe, die mit bis zu vier Lämmern trächtig werden können. Beim entsprechenden Ultraschallscreening im Stall werden die Tiere dann in Futtergruppen eingeteilt, weil die Schafe mit mehr Föten auch mehr Futter brauchen.

Dann stellt Rakel aber auch fest, dass die Schafe mit mehr Lämmern auch mehr Geburtshilfe brauchen und leichter krank werden. Worauf sie im Jahr darauf die weissen Hochleistungsböcke durch einen auf der Alp zugelaufenen kleinen schwarzen Wildwidder ersetzt und mit den neuen Lämmern der nächsten Saison, die kleiner sind, und seltener mehr als als zwei, plötzlich eine viel ruhigere Ablamm-Saison erlebt. Die Muttertiere kommen selber klar.
Woolly ist keine Schäferidylle, sondern ein Dokumentarfilm über nachhaltige Landwirtschaft, mit tierischen und menschlichen Protagonisten, die einem ans Herz wachsen, in einer Landschaft, nach der man ganz leicht Heimweh bekommen kann.
Im Kino ab 13. November 2025
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